Hessische Pferdesportgeschichte: Teil 1
Ein halbes Jahrhundert HRFV
Am 2. Oktober 2008 wird groß gefeiert: Der Hessische Reit- und Fahrverein, kurz HRFV, wird 50 Jahre alt. 1957 hatten sich die noch heute bestehenden Regionalverbände Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck bereit erklärt, sich unter einem Dach zusammenzuschließen. Am 25. Januar 1958 wurde die neue, endgültige Satzung des Gesamtverbandes verabschiedet. Der Grund: Nur ein hessenweiter Verband kann Mitglied im Landessportbund (LSB) werden. Damals hatte der HRFV 7.200 Mitglieder, heute sind es 75.000. Tina Schehler blickt zurück und beleuchtet fünf Jahrzehnte hessische Pferdesportgeschichte.
I Die Nachkriegszeit: Das Pferd als Aufbauhelfer
Wie sah es aus in Hessen, als sich der Reitsport von der Herrenreiterei zum Volkssport entwickelte? Zunächst war der Sport Nebensache. Denn nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches mit Kriegsende 1945 hatten zwei Dinge absoluten Vorrang: Es war wichtig, den Hunger von Millionen von Menschen zu bekämpfen und die Wirtschaft Westdeutschlands aufzubauen.
Die Landwirtschaft spielte dabei eine entscheidende Rolle. Den deutschen Bauern gelang es schnell, die Erträge aus der Bodenproduktion und der tierischen Veredelung so zu steigern, dass die Ernährungsgrundlage für die Bevölkerung geschaffen wurde. Rasches Zupacken waren gefragt: Annähernd die gesamte Zugkraft konzentrierte sich auf Pferde, Ochsen und Kühe, zumal die wenigen Traktoren wegen Treibstoffmangels kaum einsetzbar waren. Resultat war eine immense Nachfrage nach Pferden - für Acker- und Forstarbeiten, Nahtransport und Personenbeförderung.
Nachkriegszeit: Pferdeboom in Hessen
Jede Stute wurde nun zum Hengst gebracht. Das Dillenburger Landgestüt stockte zwischen 1945 und 1948 seinen Hengstbestand von 125 auf 159 Tiere auf. 1948 wurden in Kurhessen, auch von in Privatbesitz befindlichen Hengsten, 13.040 Stuten gedeckt – mehr als je zuvor. Das damals noch parallel zum Dillenburger Landgestüt bestehende Darmstädter Landgestüt unter Leitung von Landstallmeister Dr. Ekkehard Frielinghaus stellte den Züchtern in dieser Zeit 130 Hengste zur Verfügung, davon 67 Kaltblüter.
Dieser Nachkriegspferdeboom wirkte motivierend auf einige „Männer der ersten Stunde“ aus der hessischen Pferdezüchter- und Reiterszene, der Verbandsarbeit ein festes Gefüge und klare Organisationsstrukturen zu verleihen – nachdem auf Geheiß der nationalsozialistischen Machthaber 1933 alle Vereine und Verbände aufgelöst worden waren. „1948 erlaubte die amerikanische Besatzungsbehörde in Großhessen die Wiedergründung der ländlichen Reitervereine – nach 15-jähriger Zwangspause durch die politische Gleichstellung der Vereine. Oberlandstallmeister Dr. h. c. Gustav Rau setzte seine ganze Energie dafür ein, den Reitsport wieder auf den Weg zu bringen“, erinnert sich Willy Rücker (85), langjähriger Sportwart und Zweiter Vorsitzender des Hessischen Reit- und Fahrverbandes. „1949 starteten die ersten Reitsportveranstaltungen in Hessen.“ Dr. Gustav Rau forderte: „Der deutsche Bauer auf deutschem Pferde muß der Sinn unseres Turniersportes sein.“ Die Verbände der Reit- und Fahrvereine Hessen-Nassau und Kurhessen wurden wiedergegründet.
UNSER PFERD-Vorläufer Bindeglied zwischen Zucht und Sport
Verbände müssen ihre Mitglieder erreichen und informieren können: Im selben Jahr erschien daher mit Genehmigung der Hessischen Militärregierung der „Hessische Pferdezüchter“, Vorläufer von UNSER PFERD. Das „Mitteilungsblatt des Verbandes der Pferdezüchter Hessen-Nassau, des Verbandes der Pony- und Kleinpferdezüchter Hessen, der Verbände der Reit- und Fahrvereine Hessen-Nassau und Kurhessen und der Kommission für Pferdeleistungsprüfungen in Hessen“ berichtete fortan über alle hessischen Entwicklungen und Ereignisse in Zucht und Sport, wobei in den ersten Jahrzehnten noch die Zucht in der Berichterstattung dominierend war. Die intensive Lektüre machte es möglich, die Geschichte des hessischen Reitsportes und des HRFV gerade in den Gründungsjahren annähernd nachzuvollziehen, existieren doch aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen der Reitverbände.
Mit dem Aufschwung des hessischen Reitsports Ende der 50er Jahre war mehr über Turniererfolge der Reiter zu lesen. Chefredakteur war zunächst Landstallmeister a. D. Dr. Dencker. 1950 folgte ihm in dieser Position Dr. Wilhelm Uppenborn bis 1962 nach. 1965 wurde der Hessische Pferdezüchter in UNSER PFERD umbenannt, um Züchter und Pferdesportler gleichermaßen anzusprechen. Erstmals war nun mit Diplom-Landwirt Walter-Robert Blum ein aktiver Reiter an der Spitze der Redaktion.
„Wenn auch neuerdings Bestrebungen im Gange sind, das Pferd durch den Motor zu ersetzen, so wird es in der nächsten Zeit gerade in der hessischen Landwirtschaft seine wichtige Rolle weiterspielen“, schrieb Karl Lorberg, Hessischer Staatsminister für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten, in seinem Geleitwort zur ersten Ausgabe. „Der ‚Hessische Pferdezüchter’ hat als Fachzeitschrift die wichtigste Aufgabe, die Verbindung unter den Züchtern, Reitern, Fahrern und Pferdepflegern aufrechtzuerhalten und sie fortlaufend über alle Fragen der Pferdezucht, Fütterung, Pflege, Leistungsprüfungen und der pferdesportlichen Veranstaltungen zu unterrichten und aufzuklären.“
Der Motor verdrängt das Pferd
Doch entgegen aller positiven Prognosen und Wunschträume: Das Problemfeld der kommenden Jahre war es, den Stellenwert und die Aufgaben des Pferdes angesichts der rasch vordringenden Motorisierung in der Landwirtschaft zu behaupten. Nach 1949 fielen die Bedeckungen der Landbeschäler immer mehr ab, so dass Dr. Frielinghaus im Hessischen Pferdezüchter bereits 1952 von einer „einschneidenden Krise“ sprach. 1952 waren in Hessen 107.957 Pferde erfasst, was einen Rückgang um 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprach.
Seit Mitte der 50er Jahre war der Pferde-Boom in der Landwirtschaft zuende, da Technisierung und Motorisierung in der Landwirtschaft nicht aufzuhalten waren. Eine Konsequenz war 1958 die Auflösung des Landgestüts Darmstadt nach 137-jährigem Bestehen, da dort 1957 gerade noch 1.286 Stuten gedeckt worden waren. 1946 waren es noch fast das Siebenfache gewesen (8.231).
II 1958-1968: Gründung des Hessischen Reit- und Fahrverbandes (HRFV) treibt Turniersport voran
Nur gut, dass in der Zeit des Niedergangs der Pferdezucht der Aufschwung des Reitsports begann. Die Turnierveranstaltungen nahmen zu und es gab immer mehr Reit- und Fahrsportler. Die beiden hessischen Reitsportverbände - der Verband der Reit- und Fahrvereine Hessen-Nassau (Südhessen) und der Verband der Reit- und Fahrvereine in Kurhessen Waldeck (Nordhessen) – schlossen unter einem gesamthessischen Dachverband zusammen: der Hessische Reit- und Fahrverband (HRFV) wurde gegründet. Sitz des HRFV war zunächst in Marburg.
Im Zuge des Verbandstages am 25. Januar 1958 in Gießen wurde die neue Verbandssatzung endgültig beschlossen und der neue HRFV-Vorstand gewählt. Bereits im April 1957 war die Aufnahme in den Landessportbund gelungen. Die Regionalverbände blieben unter dem Dach des HRFV bestehen. Erster Vorsitzender des Gesamtverbandes war Gottfried Hartmann, Bürgermeister in Haina und seit 1951 bereits Chef des Verbandes der Reit- und Fahrvereine Kurhessen-Waldeck. Zum Stellvertreter wurde Kurt Oswald (Nonnenhof) gewählt. Der Dillenburger Landstallmeister Armin Holzrichter, in dieser Funktion zwischen 1962 und 1972 tätig, fungierte als ehrenamtlicher Geschäftsführer des HRFV. Zusammengerechnet konnte der HRFV in diesem Jahr 7.200 Mitglieder zählen.
Verhältnis zwischen Nord und Süd war problematisch
Zuvor hatte der kleinere Nordverband, der nur ein Drittel der Mitglieder „einbringen“ konnte, einen Zusammenschluss - aus Angst vor Überstimmung – stets abgelehnt. Auch das Verhältnis der beiden Verbände war nicht immer einfach. „An der Verbandsspitze wechselten sich zwar brav Nord- und Südhessen ab“, so Hermann Kombächer (82), von 1980 bis 1996 Vorsitzender der Hessischen Landeskommission. „Aber mit dem Zusammenschluss kamen Emotionen hoch. Neidgefühle wurden wach, standen mit beiden Verbänden doch zunächst Wohlstand und Armut nebeneinander. Nordhessen wurde damals als ‚Hessisch Sibirien’ bezeichnet. Im Vergleich zum Rhein-Main-Gebiet war es das ‚Armenhaus’.“ War im Sport der Süden erfolgreicher, so konnten im Norden in der Pferdezucht größere Erfolge verzeichnet werden.
„Grund eines Zusammenschlusses der Regionalverbände war die Aufnahme in den Landessportbund“, weiß Zeitzeuge Hermann Kombächer. „Es ging natürlich auch ums Geld: Denn im LSB konnte nur ein gesamthessischer Verband Mitglied und Ansprechpartner sein - und damit Fördergelder erhalten.“
Seit wann es die Regionalverbände in Hessen gibt, kann trotz intensiver Recherche im „Hessischen Pferdezüchter“ und in alten Vereinschroniken nicht mehr nachvollzogen werden. „Damals steckten Verbandswesen und Reitsport noch in den Kinderschuhen. Die Geschäftsführung des Verbandes war ehrenamtlich und es wurde nicht Buch geführt wie heute“, erzählt Hermann Kombächer, der eigens aus diesem Grund vom HRFV im Mai 2007 nach Lich zu einem konspirativen Treffen einiger wichtiger „alter hessischer Pferdemenschen“ eingeladen war. Neben ihm saßen unter anderem Heinz Abhau, langjähriger Vorsitzender des Nordverbandes, Heinz und Dorothee Wolf sowie Friedel Wörn, bekannter Fahrer und Fahrausbilder, mit am runden Tisch.
Kombächer war sich, ebenso wie die anderen Anwesenden, sicher: „Die hessischen Regionalverbände gab es bereits Ende der 20er Jahre. Sie sind aus den beiden regionalen Zuchtverbänden entstanden.“ Damals gab es in Hessen noch zwei Brandzeichen: das Eichenlaub (Kurhessen) und die Buchstaben HN für Hessen-Nassau.
Die Turnierzahlen explodieren
„In den 50er Jahren war Klasse A der allgemeine Leistungsstand. Dr. Gustav Rau propagierte den ‚deutschen Bauern auf deutschem Pferd’. Was heute anrüchig klingt, hatte damals seine Berechtigung, denn die Landwirte waren es ja, die Pferde im Stall hatten“, erinnert sich Hermann Kombächer, der schon in den frühen Jahren des HRFV in Vielseitigkeits- und später im Dressursport aktiv war. „In Klasse L ritten schon Prominente, drei M-Dressuren waren im Jahr in Hessen ausgeschrieben. Bei der L-Dressur auf Kandare stand der Richter auf und zog den Zylinder, wie es heute nur noch beim Grand Prix üblich ist. Am Start waren höchstens zehn Starter.“
Doch die Zahl der Turniere und Starter nahm stetig zu. 1960 wurden insgesamt 48 Pferdeleistungsschauen durchgeführt (elf der Kategorie A und 37 der Kategorie B). 1964 gab es 66 und 1966 bereits 75 Turniere in Hessen. Deutsche Meisterschaften in Dressur, Springen und Fahren wurden erstmals 1957 ausgerichtet. Teilnehmer aus Hessen waren für die Dressur Liselott Linsenhoff und Josef Neckermann sowie im Fahren Gustav Radetzky, damals im Alter von 60 Jahren mit 100 Fahrsiegen ein wahrer Erfolgsmann. Die DM Voltigieren folgte 1963 in Wiesbaden. Hessenmeisterschaften in der Dressur, im Springen und im Fahren wurden erstmals 1967 in Bad Nauheim ausgerichtet.
Verrückte und Pferdenarren
„Damals waren wir alle Verrückte und Pferdenarren, reiterliche Analphabeten. Die Kinder von heute wissen ein Zehnfaches von dem, was wir wussten“, sagt Kombächer. Nur einige noch heute bekannte Pferdefamilien, betont er, stachen heraus, die Reitsport auf hohem Niveau betrieben und ihr Wissen an die Folgegenerationen weitergaben.
Doch nicht alles war rückständig: „Die ehemaligen Offiziere der Wehrmacht, die nach dem Krieg als Ausbilder Beschäftigung suchten, waren hervorragend. Sie wurden vom Verband als Wanderreitlehrer angestellt, die herumfuhren, um die Reitern zu schulen.“ Ein solcher kam zum Beispiel regelmäßig zu Heinz Abhau nach Wehretal-Reichensachsen. „Ein 12 mal 20 Meter großer Reitplatz wurde für unseren Bedarf angelegt, Wander-Reit- und Fahrlehrer des Verbandes gaben meinem Bruder Georg und mir ab und an Tipps. Ansonsten waren wir Selfmademen“, erzählt Abhau, von 1981 bis 2007 Vorsitzender des Verbandes der Reit- und Fahrvereine Kurhessen-Waldeck. Sein erstes Turnierpferd zog tagsüber in der Ziegelei des Vaters noch die Lore.
Krug bei Erfolgslisten vorne
Dressurreiter Herbert Krug (70) aus Hochheim, später Team-Weltmeister und Olympiasieger, startete in dieser Zeit auf Pferden, die im „Hauptjob“ im Weinbaubetrieb der Eltern eingesetzt waren. Er führte als 19-Jähriger im Gründungsjahr des HRFV 1958 die Erfolgsliste des Verbandes an. Auch in den Folgejahren war er immer wieder erfolgreichster hessischer Dressurreiter. Er erinnert sich daran, dass Turniere damals auf abgemähten Wiesen oder Fußballplätzen stattfanden. Von den richtigen „Bodenverhältnissen“ - gar speziell für jede Disziplin - war damals noch keine Rede.
Unterschieden wurde zu dieser Zeit noch in ländliche und städtische Reiterei. Eine Zugprüfung gehörte bei der ländlichen Reiterei als Leistungsüberprüfung der Pferde dazu. „Kurz nach dem Krieg sind die Pferde morgens noch auf dem Feld zur Arbeit eingesetzt worden, am Nachmittag sind sie auf kleineren Turnieren in Dressur oder Springen gegangen“, bestätigt Willy Rücker, von 1987 bis 1997 Vorsitzender des Verbandes der Reit- und Fahrvereine Hessen-Nassau, an die Anfangszeit des hessischen Turniersportes. Reine Spring-, Dressur- oder Fahrturniere gab es nicht. „Damals musste jeder Turnierveranstalter zudem eine Mannschaftsprüfung ausschreiben – mit in Hessen gezogenen Pferden, die nachweislich in der Landwirtschaft eingesetzt wurden“, so Rücker.
In den 50er und 60er Jahren, so erinnert er sich, wurde noch bei jeder ländlichen Pferdeleistungsschau eine Mannschaftsprüfung ausgeschrieben. Bis zu 20 Mannschaften mit je sechs Reitern traten an. Da sich das Abteilungsreiten als publikumswirksam erwies, wurde es stets auf den Haupttag gelegt.
„Der Wettstreit um die Vereinsstandarte war das Highlight überhaupt“, bestätigt Herbert Krug. „Dressur, Gelände und Fahren waren zu absolvieren, ein Pferd der Mannschaft musste alles gehen. In Herborn oder Friedberg wurde oft die Landesstandarte ausgeritten, ich war als Mitglied der Mannschaft Hochheim dreimal siegreich“, erinnert er sich. Das Höchste sei es gewesen, für Hessen um die Bundesstandarte zu reiten. Anfang der 60er Jahre sei ihm das einmal gelungen.
Silberne Reitgerte mit Eichenblatt
Schon seit Bestehen der Landeskommission (seit 1930) wurde eine hessische Landeswertung vorgenommen, seit 1954 wurde den Besten jeder Sparte die „Silberne Championatsnadel“ verliehen. 1957 bekamen Herbert Krug(Hochheim (Dressur), Erwin Schmidt/Bischofsheim (Springen), Gustav Radetzki/Lich (Fahren) und Gerd Geisel/Steinau (Jugend) die silberne Reitgerte mit graviertem Eichenblatt angeheftet. Auffällig: In den Erfolgslisten stehen kaum Frauen, heute könnte es umgekehrt sein. Viele Namen von hessischen Reiterfamilien sind hier zu finden, die auch heute noch erfolgreichen Nachwuchs stellen: wie die Familien Abhau, Jäger, Stumpf, Linsenhoff und Freund.
Aber auch viel Prominenz war in Hessen in den „Aufbaujahren“ am Start: Hans Günther Winkler hatte 1949 und 1950 die hessische Landesliste der jüngsten Sieger angeführt, kurz darauf betrat er die Bühne des internationalen Springsportes: mit der in Hessen von Gustav Vierling/Darmstadt gezogenen „Wunderstute“ Halla, mit der er 1954 Weltmeister in Madrid und 1956 Olympiasieger in Stockholm wurde. 1957 rangierte Hugo Simon aus Heuchelheim mit fünf Siegen auf Rang fünf. 1960 und 1961 führte er die Erfolgsliste der hessischen Springreiter mit 16 Siegen in Springprüfungen der Kategorie A und B an.
Herbert Krug wurde 1961 zum vierten Male mit elf Siegen Gewinner der Landeswertung – noch vor Josef Neckermann (zehn Siege/Platz zwei) und Liselott Linsenhoff (vier Siege/Platz drei der Reiterinnen), im Springen landete er auf Rang sieben. Bei den Fahrern findet man Ende der 50er Anfang der 60er wiederholt Fred Freund und seinen Vater Friedrich wieder.
Vom Exclusiv- zum Volkssport
„Einstmals von exklusiven Kreisen ausgeübt, wurde der Reitsport zum breiten Volkssport, der Kreise in seinen Bann zog, die bisher kein Verhältnis zum Pferd hatten“, so Dr. Günther Hangen, ehemaliger Tierzuchtleiter beim Hessischen Landesamt für Landwirtschaft, in einem damals veröffentlichten Artikel. Das Problem: „Für den Bedarf dieser Reitsportbegeisterten hatten die hessischen Züchter jedoch zunächst nur wenige geeignete Pferde anzubieten.“
Der Dillenburger Landstallmeister Armin Holzrichter, in dieser Funktion zwischen 1962 und 1972 tätig, zudem ab 1957 Geschäftsführer des HRFV, erkannte den Trend frühzeitig und setzte sich für eine konsequente Umzüchtung des Wirtschaftswarmblutes zu einem edlen Warmblutpferd im Reittyp durch. In seinem Geschäftsbericht für den HRFV für die Jahre 1964/1965 vermeldetet er: „Den Pferdezüchtern Hessens gelang es in kurzer Zeit, sich den Erfordernissen des Marktes anzupassen (…). Sie erzielten hierbei auch schon recht gute Verkaufs-, Zucht- und Turniererfolge; es wächst die Zahl der Pferde, die auf unseren Pferdeleistungsschauen starten und aus Hessen stammen. Die Zusammenarbeit zwischen Reitern und Züchtern (…) ist in vielen Gebieten Hessens Wirklichkeit geworden.“
Verein als Erhalter der Pferdezucht
Sorgen machte Holzrichter allerdings die „Gefahr der ständigen Schrumpfung unserer rein ländlichen Reitervereine“, die der ständigen Aufwärtsentwicklung im Mitgliederbestand und dem ständigen Ansteigen der Anzahl von Turnieren und Startern pro Prüfung entgegenstehe. So schrieb er im HRFV-Geschäftsbericht 1964/1965: „Woher aber soll der junge Mensch die Lust am Reiten oder sportlichen Fahren haben, wenn er nicht die erforderliche Anleitung durch einen Reiterverein und eine Reitschule erhält? Der Reiterverein ist heute mehr oder weniger der Erhalter unserer Pferdezucht. Er bildet mit seiner aktiven Vereins- und Ausbildungstätigkeit sozusagen die Voraussetzung für die Existenz des Pferdes in der Zukunft.“
Der Hessische Reit- und Fahrverband habe sich daher seit seinem Bestehen vor allem um den Bau von Reithallen auf dem Lande bemüht, da er, so Holzrichter weiter, „in dem Vorhandensein von wetterunabhängigen Reitplätzen die Voraussetzung für die aktive Tätigkeit der Vereine sah.“ 50 Reithallen zählte er damals in Hessen. Für die Zukunft wünschte er sich, „dass zu den Reithallen auch Ställe gebaut werden, damit die Reiter, die aus den benachbarten Dörfern kommen, die Möglichkeit haben, ihre Pferde dort unterzustellen.“
Doch das war nur eine Aufgabe desHessischen Reit- und Fahrverbandes. Hauptaufgabe war in den ersten Jahren die Koordination des Reitsportgeschehens in Hessen: Der HRFV hielt die Verbindung zur Bundesvereinigung in Warendorf, gab die Richtung des Sportes an, verteilte Zuschüsse (1964 bekam der HRFV 27.872, 07 Mark an Sportförderungsmitteln vom LSB) und genehmigte die Turnierausschreibungen. Begabte Reiter wurden durch Speziallehrgänge gefördert und die Reitlehrerausbildung – vor allem in Dillenburg - wurde unterstützt. Zunächst fand alle zwei bis drei Jahre der Verbandstag statt.
Zehn Prozent der Jugend hatte eigenes Pferd
Wichtig war den Funktionären, die Jugend zu fördern, um den Reitsport voran zu bringen und auf eine gute Basis zu stellen. Engagierter Verbandsjugendwart war damals Burkhard Keim, der sogar einen Austausch mit Reitern aus England organisierte. 1966 wurde in Dillenburg der Mannschaftsvergleichskampf der Junioren ausgetragen. 56 Junioren aus ganz Deutschland bewältigten eine Vielseitigkeitsprüfung. Einzelsieger wurden nicht ermittelt. Da damals von den 4.000 Jugendlichen der hessischen Vereine nur zehn Prozent über ein eigenes oder fremdes Pferd für Turniere verfügten, entschied sich der HRFV für den Start auf fremden Pferden, um allen Reitbegeisterten einen Zugang zum Sport zu ermöglichen. Der Breitensport sollte - als Grundlage des Spitzensportes - gefördert werden. Ein Jahr zuvor hatte der HRFV bereits einen Vergleichswettkampf für hessische Junioren ausgeschrieben.
1966 hatte der HRFV 13.729 Mitglieder in 166 Vereinen. 78 Amateur- und 18 Berufsreitlehrer standen den Reitvereinen zur Verfügung. Die Erfolge der Hessenreiter waren erfreulich: 1966 siegte die Mannschaft Hessen-Nassau beim Bundeswettkampf. Josef Neckermann triumphierte mit Mariano bei der WM der Dressurreiter und auch die hessischen Fahrer waren beim Fahrderby und in Aachen gut platziert. Auch der Voltigiersport wurde immer beliebter, auch wenn Erfolge bei Championaten noch ausblieben.
Die Ära Richard Best
Ende November 1965 verstarb der erste HRFV-Chef Gottfried Hartmann, seit 1961 zusätzlich Zweiter Vorsitzender des Bundesverbandes deutscher Reit- und Fahrvereine (der heutigen FN), nach langer Krankheit. Ihm war 1962 das „Deutsche Reiterkreuz in Silber“ verliehen worden. Im November 1966 wurde Richard Best, Gutsbesitzer aus Bruchenbrücken im Kreis Friedberg, zum Ersten Vorsitzenden des Hessischen Reit- und Fahrverbandes gewählt. „Er war ein hervorragender Reiter und ein Gestalter, er hat enorm viel für den hessischen Reitsport getan“, so Hermann Kombächer heute. „Bests Motto lautete: ’Das Pferd muss bleiben!’“
In einem Interview in UNSER PFERD Ende 1966 wird Richard Best beschrieben als „Personifizierung dafür, dass Reiten in den 20 Jahren nach dem Krieg vom Exclusiv- zum Volkssport geworden ist“. Seine Militärzeit hatte er schon bei der Kavallerie in Bamberg absolviert, er verfügte über das Silberne Reitabzeichen, war selbst als Reiter im Sport aktiv, hatte sich als Turnierrichter qualifiziert und war als solcher seit 1951 tätig, war Vorsitzender des Reitvereins Niederwöllstadt und seit 1963 bereits des Reiterverbandes Hessen-Nassau. Er brachte „neuen Wind in die Segel des zuletzt etwas ruhig dahintreibenden hessischen Reiterschiffes“. Sein Hauptengagement, so formulierte er es kurz nach der Wahl im genannten Interview, sollte die Förderung der heimischen Spitzenreiter aber auch des Breitensports bis in den kleinsten Reiterverein sein.
Auch die solide Ausbildung der Turnierrichter lag ihm am Herzen. Best: „Gerade die Verantwortung der Richter bei Turnieren ist enorm groß. Hier muß unbedingt fachkundiger, in Schulungen und Lehrgängen ausgebildeter Nachwuchs heran. Eine nachlässige, falsche Entscheidung – und schon hat man die Reitsportbegeisterung in einem jungen Menschen ausgelöscht, ihm die Arbeit für und mit dem Pferd verekelt.“
„Titelkämpfe geben Sport Auftrieb“
1967 fanden in Bad Nauheim die ersten Hessenmeisterschaften in der Dressur, im Springen und im Fahren statt. „Titelkämpfe geben immer einem Sport Auftrieb“, davon war Richard Best überzeugt. Erster Hessenmeister in der Dressur wurde Fritz Linsenhoff auf Adjudant vor Wilfried Schmidt/Beatus und Eva-Maria-Pracht/Antoinette. Eine M- und eine S-Dressur mussten vor dem Finale bestritten werden. Den Titel Hessenmeister im Springen errang Peter Neckermann auf Schall vor Georg Stumpf/Adlerehre und Gerd Becht/Fechter. Qualifikationen für das Finale waren zwei M-Springen, davon ein Zeitspringen. Bei den Fahrern siegte Rolf Köhler mit Albaner und Floral. Er war mit dem Zweispänner Bester einer Dressurprüfung und zweimal Geschicklichkeitsfahren. Ihm folgten Heinrich Habich und Friedrich Freund (Vater von Fred und Michael Freund aus Neu-Isenburg).
Zum Turnier der Sieger in Münster trat für Hessen im Preis der deutschen Länder ein Springreiterteam aus Wilfried Jäger/Grüningen, Karl-Heinz Dunkelmann/Babenhausen, Georg Stumpf/Rossdorf und Peter Neckermann/Frankfurt an. Es ritt auf den dritten Platz. Fred Freund erfuhr in Bad Segeberg Silber bei den Deutschen Fahrmeisterschaften.
Die erfolgreichsten Reiter des Jahres hießen, unterteilt nach den Regionalverbänden: Dressur/Reiterinnen: Liselott Linsenhoff(Kronberg (Hessen-Nassau) und Uta von Reth/Kassel (Kurhessen-Waldeck); Stubbendorff- und Vielseitigkeitsreiter: Alfred Eufinger/Elz (HN) und Sigismund Karok/Korbach (KHW); Dressur/Reiter: Josef Neckermann/Frankfurt (HN) und Wulfdietrich Rosenow/Helsen (KHW); Springen/Reiterinnen: Renate Ohlert/Neu-Isenburg (HN) und Ursula Finger/Rodenbach (KHW); Springen/Reiter: Georg Stumpf/Rossdorf (HN) und Friedhelm Schmauch/Oberellenbach (KHW); Fahrer: Volker Schultheis/Heuchelheim (HN) und Julius Löhnert/Kassel-Niederzweren (KHW); Juniorinnen: Gita Zühlsdorf/Frankfurt (HN) und Elke Plücker/Alraft (KHW); Junioren: Paul Kronenberger/Seligenstadt (HN) und Hans Melzer/Ehringshausen (KHW).
Auf über 70 Pferdeleistungsschauen konnten sich Hessens Reiter und Fahrer 1967 messen. Auch ein weiterer Pferdesport wurde immer beliebter: das Voltigieren. Damals wurde der Sport allerdings vor allem als Vorbereitung der Kinder und Jugendlichen auf den Reitsport gesehen. 173 Reitvereine mit 13.000 Mitgliedern verzeichnete der Hessische Reit- und Fahrverband.
1968 waren nicht weniger als 172 hessische Pferdesportler auf den Erfolgslisten der Dressurreiter, Springreiter, Gespannfahrer und Nachwuchsreiter zu finden. Manche sogar mit internationalem Renommee. Highlight waren die frischgebackenen Mannschafts-Dressur-Olympiasieger von Mexico-City Liselott Linsenhoff und Dr. Josef Neckermann aus Hessen – unbestrittene Aushängeschilder des zeitgenössischen Pferdesports in Deutschland. „Sie sind für viele jungen Leute Idole, nacheifernswerte Vorbilder, ein für den gesamten Dressursport in unserem Land unschätzbarer Vorteil“, lobte Richard Best 1968 in UNSER PFERD.
Turniere waren Volksfeste
Die Turniere der Gründerjahre des HRFV waren wahre Volksfeste, da sind sich die „Grandseigneurs“ des hessischen Reitsportes einig: Zuschauer kamen in Massen, bejubelten die Reiter und feierten oft bis in die frühen Morgenstunden. In puncto Zuschauerzahlen, so behauptete HRFV-Vorsitzender Richard Best Ende der 60er Jahre, rangiere es gar auf Platz zwei hinter dem „unschlagbaren König Fußball“.
„Das hängt damit zusammen, dass die Reiter früher meist auf den Turnieren übernachtet haben“, erinnert sich Heinz Abhau aus Wehretal-Reichensachsen, hocherfolgreicher Springreiter in den 60er Jahren und von 1981 bis 2007 Vorsitzender des Verbandes der Reit- und Fahrvereine Kurhessen-Waldeck. „Denn die Anreise war mühsam: Entweder wurde zum Turnier geritten oder per Kutsche gefahren, Ein Transport im Eisenbahnwaggon oder auf einem umgebauten Kipper war für die Pferde ebenfalls nicht ungewöhnlich.“
Dressurweltmeister Herbert Krug erinnert sich, als Jugendlicher einmal von Hochheim aus nach Wiesbaden geritten zu sein, um dort in einem A-Springen nach dem ersten Sprung auszuscheiden und wieder nach Hause zu reiten. „Die Zuschauer saßen nicht auf Tribünen, sondern auf Bauernwagen, erinnert sich Krug an die ländlichen Turniere. „Nach dem Turnier wurden zum Abschluss noch Trab- oder Galopprennen durchgeführt - wie in Mombach auf den Rheinwiesen. Da machte jeder mit. Bandagen kannte man noch nicht. Damals war alles sehr wild, aber wir hatten einen Riesen-Spaß.“
Die Gemeinschaft der Reitbegeisterten war groß, an Helfern gab es – im Gegensatz zu heute – kein Mangel. Die Hauptevents in Hessen waren in den 50er und 60er Jahren die „großen Drei“: das von Fritz Linsenhoff ins Leben gerufene Frankfurter Festhallenturnier, das bereits seit 1949 im Biebricher Schlosspark ausgerichtete Wiesbadener Pfingstturnier und das internationale Turnier in Kassel. Wichtig waren aber auch die national ausgeschriebenen Turniere in Bad Hersfeld (Abhau: „Da ritt Winkler!“), in Herborn, auf den Fuldawiesen in Kassel, in Niederzeuzheim, Pfungstadt, Seligenstadt und Bad Wildungen. Reitertage gab es damals in fast jedem Ort, in dem Reiter zu Hause waren.
Im Springsport wurde noch über feste Hindernisse gesprungen. „Damals hieß es: Je schwerer die Stange, desto besser“, erinnert sich Heinz Abhau. „Die Pferde waren ja auch viel schwerer, wogen zwölf, dreizehn Zentner. Vor dem Turnier wurden Birken geschlagen, sie dienten als Stangen und konnten eigentlich gar nicht fallen. Damals haben wir doppelt so viel auf dem Boden gelegen wie die Reiter heute. Distanzen kannten wir nicht.“ Heute sei der Springsport wesentlich technischer, aber auch pferdefreundlicher geworden. „Die Pferde sind aber auch nicht miteinander zu vergleichen.“ Die Wintersaison diente als Verschnaufpause für Reiter und Pferd: Im September war Schluss mit der Turniersaison, es folgten nur noch die Jagden. TS
Pferdesterben in den 60ern
Hatte es Mitte der 50er Jahre noch über eine Million Pferde in Deutschland gegeben, wurden 1960 nur noch 710.300 gezählt. Bereits 100.000 weniger als im Vorjahr. Die meisten Fohlen gingen zum Schlachter. In Hessen lebten 1960 immerhin noch 62.600 Pferde, der Rückgang von 6.500 Tieren zum Vorjahr lag unter dem Bundesdurchschnitt. In den einzelnen Regierungsbezirken zählte man wie folgt: Kassel 28.500, Darmstadt 20.800 und Wiesbaden 13.300. Bei den Kreisen lag Marburg (3.720) an der Spitze, dicht gefolgt von Waldeck (3.700) und Büdingen (3.500). Auch die Zahl der Pferdehalter nahm rapide ab. Ende 1965 wurden von 23.000 Pferdehaltern 36.000 Pferde gehalten. TS
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