Hessische Pferdesportgeschichte: Teil 2
 
1968 bis 1978 – Der klassische Pferdesport booooooomt
 
Am 2. Oktober 2008 wird groß gefeiert: Der Hessische Reit- und Fahrverband (HRFV) wird 50 Jahre alt. 1957 hatten sich die Regionalverbände Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck bereit erklärt, sich unter einem Dach zusammenzuschließen. Am 25. Januar 1958 wurde die neue Satzung des Gesamtverbandes verabschiedet. Tina Schehler, bei der Recherche intensiv unterstützt von Heidrun Weitz, blickt zurück und beleuchtet fünf Jahrzehnte hessische Pferdesportgeschichte.
 
Die 70er Jahre standen im Zeichen des boomenden klassischen Turniersports, überall in Deutschland und in Hessen. Mehr Turniere, mehr Prüfungen, mehr Starter – so könnte man das Motto dieser zehn Jahre formulieren. Auch das Leistungsniveau bei Pferden und Reitern verbesserte sich deutlich.
 
866 Turniere wurden 1969 in der Bundesrepublik ausgerichtet, davon 79 in Hessen. Und die Hessenreiter waren in diesem Jahr gleich in mehreren Disziplinen ganz vorn: Die Europameisterschaft der Dressurreiter wurde von Liselott Linsenhoff mit Piaff gewonnen, die Deutsche Meisterschaft im Dressurreiten von Josef Neckermann auf Mariano und die Deutsche Meisterschaft im Fahren von Fred Freund. Neue Deutsche Juniorenmeisterin der Springreiter war Gita Zühlsdorf (Maintal-Mühlheim) mit Eliane.
 
Die Aufbauarbeit in den Nachkriegsjahren war fruchtbar gewesen. Das bekam der Hessische Reit- und Fahrverband deutlich zu spüren. Er wuchs und wuchs: 1969 wurden 16.141 Mitglieder in 183 Vereinen gezählt, 1975 bereits 28.725 Mitglieder und 1977 registrierte man 35.730 organisierte hessische Reiter und Fahrer. Zum Jahreswechsel 1979/80 waren es sogar 42.456. Damit hatte sich die Mitgliederbasis des Verbandes binnen zehn Jahren fast verdreifacht.
 
Gesamtdeutscher Trend
Aus dem Jahresbericht der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) war zu ersehen, dass dieser Trend gesamtdeutsch war: Zu Beginn des Jahres 1969 zählten die über 1.600 Reitervereine, die in den Landesreiterverbänden zusammengeschlossen waren, 177.198 Mitglieder. Hinter Westfalen, Niedersachsen-Bremen, Baden-Württemberg und Bayern war Hessen der fünftgrößte deutsche Landesverband. Die Mädels waren bei den Kindern bis 14 Jahren damals mit 16.443 gegenüber den 11.559 Buben nur knapp in der Mehrzahl. Bei den Erwachsenen über 21 Jahren waren die Männer dominierend: 63.422 Männer standen 26.779 Frauen gegenüber.
 
Die Bedeutung des Turniersportes spiegelte sich im Organ der hessischen Reiter und Züchter wieder: In den Ausgaben des UNSER PFERD nahm die Berichterstattung über Turniere, Pferdesportler und ihre Erfolge immer mehr zu. Zum Jahreswechsel 1970/71 vermeldete die Redaktion: „Jedes Jahr kommt eine neue Generation von Reiterinnen und Reitern, von Züchtern und von Fahrern hinzu. Immer enger werden die Kontakte zwischen den Züchtern, Reitern und Fahrern. Immer größer wird das Interesse des Pferdezüchters für die Wünsche des Reiters, und immer intensiver bemühen sich die Reiter, in die Geheimnisse der Pferdezucht einzudringen. (…) In der Warmblutzucht haben wir in diesem Jahr mit Freude feststellen können, dass fast ein Jahrzehnt systematischer Umzüchtung zu sichtbaren Erfolgen in Hessen geführt hat. Das hessische Warmblut hat sich auf dem Turnierplatz nicht nur behaupten können, sondern hat ständig wachsende Erfolge zu verzeichnen.“
 
Skandal beim Verbandstag 1969?
1969 hielt der Hessische Reit- und Fahrverband wieder einmal seine Delegiertenversammlung ab. Nur 54 Vereine hatten einen Vertreter zu den Vorstandswahlen nach Gießen geschickt. Ein Skandal? Begründet wurde dies im UNSER PFERD-Bericht damit, „dass der Dachverband mit seiner nur alle drei Jahre stattfindenden Versammlung zu wenig in Erscheinung tritt und der Schwerpunkt der praktischen Arbeit bei den Regionalverbänden Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck liegt“. HRFV-Chef Richard Best wurde wiedergewählt und versprach, Leistungszentren in Dillenburg, Kassel und Darmstadt zu schaffen. Neu im Vorstand war der Sportwart: der „reitende Pfarrer“ aus dem Vogelsberg, Gottfried v. Dietze.
 
Die Bilanz der drei Vorjahre fiel weitgehend positiv aus: Durch finanzielle Unterstützung des HRFV hatte sich die Zahl der Reithallen in Hessen in drei Jahren von 50 auf mehr als 60 erhöht. Auch hochkarätige Springreiterlehrgänge in Dillenburg und Fulda bei Olympiasieger Harald Momm und dem Equipechef der deutschen Springreiter, Helmut Krah (Fulda), waren gesponsert worden.
 
Akuter Ausbilder-Mangel
Angemahnt wurde allerdings ein akuter Ausbildermangel. „Die von Jahr zu Jahr steigende Mitgliederzahl verlangt nach einer wachsenden Zahl von Ausbildern“, bilanzierte der Dillenburger Landstallmeister (von 1962 bis 1976) und HRFV-Geschäftsführer Armin Holzrichter in seinem Geschäftsbericht. „Die alten Reitlehrer aus der Vorkriegszeit gehören der alten beziehungsweise ältesten Generation an. (…) Es haben sich bei uns aber bedauerlicherweise zu wenig aktive Reiter bereitgefunden, sich auf den Beruf eines Amateurreitlehrers vorzubereiten.“ So kam es, dass damals viele Vereine ohne einen qualifizierten Reitlehrer arbeiten mussten. Sie konnten höchstens einmal im Jahr zu einem Lehrgang einen Wander-Reitlehrer verpflichten. Im Übrigen waren die Reiter auf sich selbst gestellt.
 
Einige Ausgaben später, im März 1970, betonte Holzrichter noch einmal: „Von der Arbeit der Reitlehrer in den Vereinen hängt der ganze Fortschritt in unserer Reiterei überhaupt ab.“ Er erhoffte sich von der bevorstehenden Überarbeitung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung (APO) für die organisierten Reiter, die schon seit 1965 existierte, Lösungsansätze. Er rief zudem die Vereine auf, mehr Mitglieder zu den Lehrgängen für Reitwarte der Hessischen Landes-Reit- und Fahrschule nach Dillenburg zu schicken.
 
„Zelle der Jugendarbeit ist der Verein“
Wichtig war den HRFV-Verantwortlichen die Reiterjugend. Jugendwart Burkhard Keim wurde beim Verbandstag 1969 rundum gelobt, hervorgehoben als Mann mit „Ideenreichtum, Sachkenntnis und Tatkraft“, der der Jugendarbeit weit über Hessen hinaus neue Impulse gegeben habe. „Sind doch die alljährlich auf Bundesebene durchgeführten Jugend-Vergleichswettkämpfe letztlich den Vorstellungen Keims entsprungen“, so war im Januar 1970 im UP-Bericht über den Verbandstag zu lesen.
 
Keim ließ „keinen Zweifel daran, dass die Zelle aller Jugendarbeit der Verein sein müsse“. Er empfahl den Vereinen „dringend“, sich um ihre Jugendlichen zu kümmern, sie durch Angebote an den Verein „zu fesseln“, da der Verein dann in seinem Bestand gesichert sei. Ein Beweis, dass dieser Einsatz Erfolg versprach, waren die Ringturniere, die begabten jungen Reitern ohne Pferd die Möglichkeit geben sollten, an Turnieren teilzunehmen. Sie erfreuten sich zu jener Zeit großer Beliebtheit: Waren es 1967 erst sechs, konnten 1968 schon 15 Ringturniere ausgetragen werden. Auch in zwei weiteren Sparten wurde eine gute Möglichkeit gesehen, Nachwuchs zu rekrutieren: Die Zahl der Ponyrüfungen und –turniere stieg an. Und auch die Voltigiergruppen und Voltigierturniere nahmen deutlich zu.
 
Highlight Verbands- und Hessenmeisterschaft
Highlights der hessischen Reiterszene waren die vor allem die Verbandsmeisterschaften der Regionalverbände und immer mehr auch die gesamthessischen Landesmeisterschaften, die ab 1967 - wie bereits in Teil 1 des Rückblicks erwähnt - zunächst im Zwei-Jahres-Turnus ausgerichtet wurden. Beim Reiterkreis Bad Nauheim war die Premiere gefeiert worden, 1969 wurden in Darmstadt Hessens Topstars in Dressur, Springen und Fahren ermittelt. Die Beteiligung der nordhessischen Reiter und Fahrer war jedoch gering. Hessenmeister in Darmstadt wurden Fritz Linsenhoff/Adjutant in der Dressur, Hans-Günther Schmidt/Velten (Butzbach) im Springen und Friedel Wörn (Niddertal) bei den Zweispänner-Fahrern. Die Verbandsturniere des Jahres 1969 fanden in Fritzlar (Nord) und Kloppenheim (Süd) statt. Events waren auch zwei Hochschulvergleichsturniere in Gießen und das „Vierte Internationale Hochschul-Vergleichsturnier“ der Frankfurter Universitätsreitgruppe in Dillenburg. Zum zweiten Mal fand 1969 in Dillenburg zudem der Deutsche Junioren-Mannschaftsvergleichswettkampf statt.
 
Helfer fehlen, Richter sind überlastet
Festgestellt wurde nach Ablauf des Turnierjahres 1969, dass der Trend zum Kategorie-B-Turnier ging. Die Mehrzahl der veranstaltenden Vereine neigte dazu, kleine oder mittlere krisensichere Turniere durchzuführen. Highlight mit den meisten Kategorie-A-Prüfungen blieben die Turniere in Kassel (41 Kat. A-Prüfungen), Wiesbaden-Biebrich (38), Seligenstadt (25) und Darmstadt (18). Das berühmte Frankfurter Festhallen-Turnier wurde 1969 abgesagt. Die HRFV-Verantwortlichen mahnten zur Fürsorge für Hindernisparcours und Dressurvierecke.
 
Die Flut der Prüfungen und Starter bei Turnieren schuf neue Probleme und stellte höhere Anforderungen an die Veranstalter: Bei den 20. Meisterschaften des Verbandes der Reit- und Fahrvereine Hessen-Nassau im Jahre 1970 waren zum Beispiel in Pfungstadt für 500 Pferde mehr als 1.600 Nennungen abgegeben worden. Im Nachbericht in UNSER PFERD wurde vom Berichterstatter bemängelt, dass der Turnierleitung um Walter Schlageter und den Richtern zu wenige Ruhepausen gegönnt wurden und es immer schwieriger sei, an ehrenamtliche Helfer zu kommen. Bedauert wurde auch die geringe Teilnahme von Vereinsmannschaften, „nur“ 14 waren es in diesem Jahr. Im Text heißt es: „Mit Wehmut denkt man an die Zeiten vor zehn, fünfzehn Jahren zurück, wo eine zahlenmäßig weit geringere Reiterei in Südhessen 25 Mannschaften auf die Beine stellen konnte.“
 
„Hessen-Champions“ des Jahres 1970 mit den meisten Turniersiegen wurden: Dressurreiter Hessen-Nassau (HN): Josef Neckermann, Frankfurt; Dressurreiterinnen HN: Eva Maria Pracht, Dillenburg; Dressurreiter Kurhessen-Waldeck (KHW): Ernst-Albert Holzapfel, Eschwege; Dressurreiterinnen KHW, Marion Bartholomäus, Eschwege; Springreiter HN: Hans-Günther Schmidt, Butzbach; Springreiterinnen HN: Dagmar Baach, Dornheim; Springreiter KHW: Friedhelm Schmauch, Berneburg; Springreiterinnen KHW: Uta Riechers, Kassel; Vielseitigkeit HN: Martin Schaadt, Dornheim; Vielseitigkeit KHW: Kurt Brunet, Ebsdorfer Grund; Fahrer HN; Volker Schultheiß, Heuchelheim; Fahren KHW: Roland Schmitz, Fritzlar; Juniorinnen HN: Evi Marloff, Nieder-Wöllstadt; Junioren HN: Paul Kronenberger, Seligenstadt; Juniorinnen KHW: Bettina Müller, Kassel-Waldau; Junioren KHW: Dieter Nebel, Arolsen.
 
Neu: Registrierung der Pferde
Neu für das Jahr 1970 war die Registrierung sämtlicher am Turniersport teilnehmender Pferde. So hieß es im Verbandsorgan UNSER PFERD noch zu Saisonbeginn: „Die Besitzer von Pferden, die noch nicht bei der Kommission oder bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung registriert sind, tun gut daran, die Eintragung bei einer dieser Stellen unverzüglich vorzunehmen. Es wird kein Pferd mehr an den Start gehen können, das nicht in die Liste der Turnierpferde bei der FN oder nicht in die Turnierliste bei der Landeskommission eingetragen ist und eine Registriernummer besitzt.“ Eine weitere Bitte erging an die Turnierreiter: „Es sollte allmählich zur Regel werden, dass ein Reiter, der verhindert ist, zu einem Turnier zu kommen, sich vorher abmeldet“, so mahnte Landstallmeister Holzrichter. Ganz am Rande bedauerte er in seiner Jahresbilanz, dass die Zuschauerzahlen bei den Turnieren rückläufig seien.
 
Gesunde Basis bei den „Hessischen“ 1971
1971 standen erneut Hessenmeisterschaften an und wieder in Darmstadt. HRFV-Chef Richard Best hob im Rahmen der Veranstaltung die Leistungen des Landesleistungszentrums in Kranichstein für die hessische Reiterei hervor. 1969 war der Vertrag zwischen Darmstädter Reitverein und HRFV über das Landesleistungszentrum abgeschlossen, 1970 auch das Internat ausgebaut worden. Er sagte seine weitere Unterstützung zu und gab der Hoffnung Ausdruck, dass es gelingen möge, durch ständige Schulung in Kranichstein das Niveau der Reiterei in Hessen noch weiter zu verbessern. Nicht nur der Spitzensport solle gefördert werden, so sagte er, sondern auch die breite Reiterei, „denn nur aus einer gesunden breiten Basis könne die Spitze erwachsen“. So ist im UNSER PFERD 10/1971 zu lesen.
 
In Abwesenheit von Liselott Linsenhoff und Josef Neckermann, die international starteten, dominierte in der Dressur (eine M und zweimal S, davon eine Kür) Eva-Maria Pracht, Josef Neckermanns Tochter, aus Haiger mit Cantate. Zweite wurde Sylvia Hermann mit Magali, auf Platz drei ritt der junge Neckermann-Schüler Conrad Schumacher (Gut Neuhof) mit Windhuk. Im Springen war der erfolgreichste Reiter des Turniers und der Meisterschaft Seriensieger Paul Kronenberger aus Seligenstadt, der bereits 1968 Deutscher Juniorenmeister und Dritter mit dem Team im Nationenpreis bei der Junioren-EM in England geworden war. Ihm folgten Georg Stumpf mit Adlerehre und Willi-Voss.
 
Georg Stumpf und Hans-Günther Schmidt wurde das Goldene Reitabzeichen ans Revers gesteckt und der Vorsitzende des Darmstädter Reitervereins, Freiherr von Schauroth, bekam aus den Händen von Wilhelm Dyckerhoff, Vizepräsident der FN, die FN-Plakette für besondere Verdienste (auch im Zusammenhang mit dem Umzug vom Kavalleriesand nach Kranichstein) verliehen.
 
Dass Südhessen zu dieser Zeit eine Hochburg der Dressurreiter und auch der Fahrsportler war, zeigte die Entscheidung der Zweispännerfahrer. Fred Freund (Neu-Isenburg) siegte vor seinem jüngeren Bruder Michael. Fred war bei seiner ersten Deutschen Meisterschaft 1967 in Bad Segeberg bereits Vizemeister geworden. Von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) hatte man ihm eine Sondergenehmigung erteilt, da er mit 17 Jahren einen solchen Wettbewerb eigentlich noch gar nicht bestreiten durfte. „In dieser Zeit kamen die drei besten Fahrer nach Dressur und Hindernisfahren in ein Finale mit Gespannwechsel“, erinnert sich Fred Freund heute, der in den Folgejahren an sieben FEI-Championaten und den internationalen Turnieren in Luzern/Schweiz und Windsor/England teilnahm. Er wurde 1971 Vize-Europameister mit der deutschen Mannschaft in Budapest, 1976 im holländischen Appeldorn Vize-Weltmeister und Sechster in der Einzelwertung. „Ich weiß noch, dass ich am Anfang am liebsten allein im Kämmerchen Geschirr geputzt habe“, sagt Michael Freund. „Oder ich bin mit fünf Pferden und zwei Kutschen nach Aachen gefahren, habe alles fix und fertig hingestellt und auf meinen Bruder gewartet. Das war meine schönste Zeit: als Pfleger und Groom. Denn damals gab es in der Fahrerszene noch einen großen Zusammenhalt.“
 
Ein Reiter aus Nordhessen erhielt im Jahr 1971 die Goldene Championatsnadel des HRFV aufgrund seiner großen Erfolge in der Vielseitigkeit: Die Rede ist von Kurt Brunet (Ebsdorfer Grund). „Kurt Brunet war in dieser Zeit der verdienstvollste Vielseitigkeitsreiter des Verbandes. Er gewann in den Jahren 1955 bis 1968 alle Bundeswettkämpfe der ländlichen Vielseitigkeit, war zweimal Bundessieger und 1963 siegreich bei der EM in Basel. Bis 1975 holte er in Springen und Vielseitigkeit zudem mehrfach den nordhessischen Verbandsmeistertitel“, erinnert sich der Dressurrichter und ehemalige Landeskommissions-Chef, Hermann Kombächer.
 
Verbandstag 1972: Die Turniere platzen aus allen Nähten
Am 25. November 1972 wurde zum Verbandstag des Hessischen Reit- und Fahrverbandes nach Butzbach geladen. „Die Turniere platzen aus allen Nähten“, „die Teilnehmerflut übersteigt alle bisherigen Vorstellungen“, „das Einhalten der Zeiteinteilung und des Turnieretats erweist sich als unmöglich“, „Leitung und Richter werden ebenso überfordert wie der Zuschauer“, „Handikaps erweisen sich als unwirksam“ – diese Kritik war im Verbandsorgan UNSER PFERD schon im Vorfeld zu lesen.
 
Autor Mirko Altgayer schlug vor, in den unteren Klassen nur noch Reiter starten zu lassen, die im Besitz eines Reitabzeichens sind, um schlechte Bilder zu vermeiden. Wünschenswert, so schrieb er abschließend, wäre auch eine verstärkte Kontrolle der Reitabzeichen-Prüfungen durch die Landeskommissionen, „wobei alle jene Richter, die bei den Prüfungen ein allzu weiches Herz aufweisen und die Bedingungen wohlwollend auslegen, als Reiterabzeichen-Prüfer zu streichen wären.“
 
Signal des Verbandstages, zu dem diesmal immerhin 127 von den 240 hessischen Reitervereinen gekommen waren, war die Feststellung: „Der bisherige Kurs wird beibehalten!“ Dies bezog sich vor allem auf die Fortbildung und Förderung der Jugend, der Leistungssportler und der Richter. Richard Best wurde im Amt des Ersten Vorsitzenden bestätigt, Willi Rücker aus Groß-Gerau löste Pfarrer von Dietze als Sportwart ab. Festgestellt wurde jedoch, dass der Dachverband HRFV zukünftig gegenüber den beiden Regionalverbänden – gerade bei der Entscheidung, wie Gelder zu verteilen sind - an Bedeutung zunehmen werde.
 
Hauptamtliche Turnier-Manager? Kein Geld!
Der Tenor der HRFV-Funktionäre: Die starke Ausweitung des Reitsportes könne durch ehrenamtliche Kräfte nicht mehr gemeistert werden. Hauptamtliche Manager müssten her, für die fehle aber das Geld. „Ein sehr schwerwiegendes Problem, für das vorerst jedenfalls noch keine Lösung in Sicht ist“, bilanzierte UP-Chefredakteur Walter-Robert Blum. Nichts desto trotz wurde der Antrag angenommen, künftig die Hessenmeisterschaften jedes Jahr und Voltigiermeisterschaften auf Landesebene einzuführen.
 
Dass die Förderung der Jugend Sinn machte, zeigten große hessische Erfolge: Inge Freihoff belegte 1971 bei den Deutschen Junioren-Springmeisterschaften den Silberrang, Beate Marloff wurde 1972 Deutsche Junioren-Dressurmeisterin. Und 1971/72 wurden in Nord und Süd insgesamt 61 Ringturniere ausgerichtet.
 
Olympische Medaillen für Linsenhoff und Neckermann
Liselott Linsenhoff erritt 1972 bei den Olympischen Spielen in München mit ihrem Hengst Piaff als erste Frau in der Geschichte der Dressur Gold in der Einzelwertung und noch dazu Gold mit der Mannschaft! Der 60-jährige Josef Neckermann gewann seine sechste Medaille bei seinen vierten Olympischen Spielen: Für ihn wurde es mit Venetia Bronze in der Einzelwertung und ebenfalls die Teamgoldmedaille. Mit in der Mannschaft war damals Karin Schlüter mit Liostro.
 
Bei der ersten WM der Viererzug-Fahrer in Münster hatte sich im Mai 1972 die internationale Viererzug-Elite zum sportlichen Wettkampf getroffen. Für Hessen konnten sich Fred Freund, Volker Schultheiß und Heinrich Habich in der großen Vielseitigkeitsprüfung behaupten.
 
Verbandschef richtete immer mit
Pfungstadt, bereits 1966 Veranstalter der Deutschen Juniorenmeisterschaften, veranstaltete 1973 die vierten Hessenmeisterschaften. Immer noch fehlten nordhessische Starter in allen Sparten. Bei den Meistern nichts Neues: Evi Marloff/Nieder-Wöllstadt (Dressur), Walter Schmidt/Haiger (Springen) und Michael Freund/Neu-Isenburg (Fahren) standen auf dem obersten Treppchen. Juniorenausscheidungen gab es noch nicht. Kritik fand sich in einem Leserbrief: Es sei ein Unding, dass der Verbandspräsident selbst bei allen Prüfungen federführend als Richter beteiligt sei. Man solle bitte schön bei Meisterschaften einen Richteraustausch mit anderen Landesverbänden vornehmen.
 
Elf junge Hessen fuhren in diesem Jahr zu den Deutschen Juniorenmeisterschaften nach Luhmühlen. Sie platzierten sich im Mittelfeld. Die besten Platzierungen holten Beate Marloff in der Dressur (Platz acht), Dieter Ess in der Vielseitigkeit (Platz neun), Gerhard Helfrich im Springen (Platz zwölf) und die Gruppe des Frankfurter Reit- und Fahr-Clubs im Voltigieren (Platz neun). Mit dabei in der Springkonkurrenz war Karl Münz mit Django (23.), der heute HRFV-Landestrainer der Springreiterjugend ist.
 
Vielseitigkeitswettkämpfe in Kloppenheim
Der Reit- und Fahrverein Wiesbaden-Kloppenheim war damals einer der wenigen Veranstalter von Vielseitigkeitsprüfungen. 1972 traute man sich erstmals an eine Vormilitary heran - die erste Prüfung in Hessen dieser Art. Daraus ergab sich, dass in den Folgejahren die Hessenmeisterschaften in der Vielseitigkeit auch hier ausgetragen wurden. 1974 wurde Heinz Dombo hier bereits zum zweiten Mal als Landesmeister gefeiert.
 
Er war mit Fanfan im selben Jahr auch Mitglied des Hessenteams beim Bundeswettkampf in Luhmühlen. Es wurde Platz sieben und mit dabei waren Rainer Mosch/Aragon, Uwe Petersen/Mucho und Norbert Stein/Kismet. Zum ersten Mal wurde der Wettkampf der Reiterverbände um die Bundesreiterstandarte nicht im Rahmen der DLG-Ausstellung ausgetragen – und das Niveau angehoben, das heißt eine Vormilitary absolviert.
 
Freizeitreiter ernster nehmen!
Bei all den sportlichen Erfolgen meldete sich im März des Jahres 1974 ein Vertreter der Freizeitreiter in UNSER PFERD zu Wort: Udo Annecken aus Offenbach, der Beauftragte für den Breitensport Freizeitreiten des Verbandes Hessen-Nassau. „Die Freizeitreiter müssen ernster genommen werden als bisher!“ ist da zu lesen. Er schrieb: „Man sollte sich davor hüten, die Reiter in zwei Lager, dasjenige der Freizeitreiter und das der Leistungssportler, zu spalten. Begriffe wie Feld-, Wald- und Wiesenreiter sind fehl am Platz.“ Er machte Werbung für die „große Reiterfamilie“ und konnte berichten, dass der Ausschuss Freizeitreiten der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) im Februar des Jahres erstmals konkrete Planungen vorgelegt habe, wie Freizeitreiter zu organisieren, zu beschäftigen, an die Vereine zu binden seien und wie man sie ausbilden könne. „Ich möchte daran erinnern, dass wir im Verbandsbereich Hessen-Nassau etwa 16.000 Freizeitreiter haben; und dass nach vorsichtiger Schätzung der Bestand an ausländischen Pferden in Hessen etwa 25 bis 30 Prozent beträgt. Für diese Reiter und Pferde sind wir verpflichtet etwas zu bieten.“
 
Weltmeister und Olympiasieger in Niederzeuzheim
Mit Weltmeistern und Olympiasiegern war das Niederzeuzheimer Turnier, in dieser Zeit zweitgrößte Pferdeleistungsschau der Kategorie A in Hessen, im Sommer 1975 besetzt. Europameister Hermann Schridde und Weltmeister Hans Günter Winkler ritten in den schweren Springen um die Goldschleifen und Geldpreise. Im Prix St. Georg und der Intermediaire I waren Dressurweltmeister Dr. Reiner Klimke mit Amadeo, Eva-Maria Pracht mit Van Eick und Cantate, Hessenmeisterin Evi Marloff und Herbert Krug die Stars. Highlight war zudem ein Pas de quatre, geritten von Dr. Reiner Klimke, seiner Frau Ruth, Eva-Maria Pracht und ihrem Mann Hans.
 
1975 erstmals HM in Oberhessen
Jahrelang war die Austragung der Hessischen Meisterschaften die Domäne der Südhessen: Nur Vereine aus diesem Verbandsgebiet bewarben sich, und, so UP-Chefredakteur Blum in seinem Meisterschaftsbericht im Septemberheft 1975, „waren auch in der Lage, die hohen Anforderungen zu erfüllen, die an den Ausrichter gestellt werden“. 1975 war nun Grünberg in Oberhessen der Austragungsort. Auch diesmal wurden Dressur-, Spring- und Fahrwettbewerbe ausgeschrieben, erstmals auch für Ponyfahrer. Die Meister hießen: Herbert Kuckluck/Lord Nelson (Frankfurt) in der Dressur, Wolfhard Alphéus/Escort (Grünberg) im Springen, Georg Knell (Rodenstein) im Fahren mit Großpferden und W. Matytschek (Neu-Isenburg) im Fahren mit Ponys. Blums Fazit: „Ist es nicht zweckmäßiger eines der (meist langweiligen) Springen aus dem Programm zu streichen, um dem publikumswirksameren Fahren genügend Raum zu geben?“
 
Aufschwung macht Meisterschaftsflut notwendig
Der von Jahr zu Jahr zunehmende Aufschwung im Pferdesport in den 70er Jahre machte bald „getrennte“ Meisterschaften in den einzelnen Disziplinen notwendig. Anders war eine Organisation für die veranstaltenden Vereine nicht mehr machbar. 1976 wurden ganze sechs Hessenmeisterschaften ausgerichtet: die der Vielseitigkeitsreiter in Kloppenheim, die der Fahrer von Großpferden in Wiesbaden-Biebrich, die der Voltigierer in Frankfurt, die der Jugend in Groß-Gerau, die der Ponyfahrer in Darmstadt und zum Abschluss die der Dressur- und Springreiter in Friedberg. In Friedberg ritten die Dressurreiter diesmal vor „ausländischem Richterteam“ eine Qualifikation der Klasse M, zwei der Klasse S und für die drei Besten eine Stechaufgabe. Herbert Krug und Festoe triumphierten. Im Springen siegte Hans Tschamber vor Paul Kronenberger. Reiter aus den französischen und britischen Partnerstädten Villiers-sur Marne und Bishop’s Stortford boten einen Schauwettkampf. Michael Freund startete nun richtig durch und holte bei den Deutschen Meisterschaften der Vierspännerfahrer seinen ersten Deutschen Meistertitel. Viele weitere sollten folgen.
 
Beim Jubiläumsturnier zum 50-jährigen Bestehen des Darmstädter Reitvereins im August wurden die Starterfelder konsequent durch Handikaps in machbarer Größe gehalten. Conrad Schumacher aus Götzenhain erhielt für die Erringung von fünf S-Siegen in der Dressur das Goldene Reiterabzeichen. Außerdem wurden die Internationalen Deutschen Meisterschaften der Junioren im Modernen Fünfkampf ausgetragen. Im Mannschafts-Junioren-Wettkampf 1976 in Hohenhameln belegte das Hessenteam, wie immer begleitet von Sportwart und „Organisationstalent“ Willy Rücker, Platz fünf. 1976 wurden zwölf Voltigierwettbewerbe durchgeführt.
 
Schon EM-Sichtung auf dem Schafhof
Eine Institution im hessischen Dressursport gab es schon damals: das Sichtungsturnier für Nachwuchsreiter aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland auf dem Schafhof in Kronberg. Inzwischen wird hier jedes Jahr – dank Ann Kathrin Linsenhoff – für den Preis der Besten in Warendorf gesichtet, 1976 fand dort ein Sichtungsturnier zur Europa-Junioren-Meisterschaft unter den Augen von Dressurbundestrainer Willy Schultheis, der Diskussionen stets beendete mit dem Spruch „Was gebe ich auf mein Geschwätz von gestern“, und dem hessischen S-Richter Hermann Kombächer statt. Damals gab es noch keine Unterteilung in Junioren und Junge Reiter. Einen guten Eindruck hinterließen in M- und S-Dressur die Rheinland-Pfälzer Rolf Henn und Christian Hungerland, für Hessen Andreas Jüngling (Maintal) und Beate Marloff (Rodheim). „Sie brauchen sich nicht zu verstecken, die hessischen Dressur-Junioren“, so lautete das Fazit vom Bundestrainer. Liselott Linsenhoff hatte großzügig die Tore ihrer Anlage geöffnet. Mit am Start: ihre Tochter Ann Kathrin.
 
Der Reit- und Fahrverein Niederzeuzheim, der 1976 sein 50-jähriges Jubiläum feierte, hatte in diesem Jahr acht Tage lang die Olympiamannschaft der Dressurreiter zum Abschlusstraining bei sich zu Gast. Zuvor war mit viel Eigenleistung, und unterstützt durch Land, Kreis und Stadt, die Reithalle auf 60 Meter Länge vergrößert und ein olympisches Dressurstadion gebaut worden.
 
Neue Epoche des Turniersports
Dringend notwendig geworden war, durch die ständig steigende Zahl der Reitervereine, Turniere und Turnierprüfungen eine Überarbeitung der Leistung-Prüfungs-Ordnung (LPO) durch die FN-Ausschüsse - nach immerhin 25 Jahren. Eine wichtige Neuerung: Geschaffen wurden nun Kategorie-C-Wettbewerbe. In Hessen gab es 1976 bereits 195 Turniere mit über 58.000 Startern (1957: 46 Turniere/13.693 Starter, 1967: 76 Turniere/27.986 Starter). Die Turniersaison ging von April bis September.
 
Im Zuge dieser Ausweitung wurde die Öffentlichkeitsarbeit der Vereine immer wichtiger. „Reiterei, Pferdesport und Pferdezucht sind umso mehr auf ein gutes Bild in der Öffentlichkeit angewiesen, je stärker sich der Pferdesport ausdehnt, und je stärker demzufolge das Pferd in der Öffentlichkeit auftritt“, ist im April 1977 im UNSER PFERD zu lesen. „Ob es das Reiten in Wald und Feld ist, ob die Frage der ‚Pferdesteuer’, ob die Beteiligung von Gemeinden und Kreisen an der Förderung von Reitsportanlagen – über die Reiter und ihre Belange wird heute mehr denn je in der Öffentlichkeit gesprochen. An dieser Diskussion muß sich die Reiterei aktiv beteiligen, muß aufklären, muß für ihre Belange werben, muß das oftmals schiefe Bild, das andere von dem „elitären“ Reitsport zeichnen, wieder gerade rücken.“ Daher die Forderung des Chefredakteurs: Pressewarte gehören in den Vereinsvorstand!
 
1977 freute man sich beim HRFV über den Sieg des Hessen-Nassau-Teams beim Bundeswettbewerb in der jungen Disziplin Vierkampf, einer Gesamtwertung aus Laufen, Schwimmen, Dressur- und Springreiten. Bei den Hessischen Jugend- und Juniorenmeisterschaften im Springreiten war Helge Deußer mit Istella, Sproß einer erfolgreichen hessischen Reiterfamilie, zum zweiten Mal vorn. Bei den Deutschen Jugend- und Juniorenmeisterschaften holte Thomas Lösch mit Roch in der Dressur Bronze, Ann Kathrin Linsenhoff kam mit Emir auf Platz zwölf. Gerhard Helfrich und Peter Illert waren im Springen die besten Hessen mit Platz sechs und acht. Sportwart Willy Rücker bilanzierte: „Es wurde die Erfahrung gemacht, dass die Jugend heute mit erstaunlich guten Pferden antritt und ein hohes sportliches Niveau gehalten wird. (…) Die Anforderungen im D-Kader werden erneut angehoben werden müssen.“
 
Herborn glänzend wiederauferstanden
„Helmut Krah, der Equipechef der deutschen Springreiter, rief – und alle, alle kamen!“ So war in der Septemberausgabe 1977 von UNSER PFERD zu lesen. Im Rahmen des 20sten Reit- und Fahrturniers traf sich dort fast die gesamte deutsche Elite der Rotröcke und namhafte Dressurreiter wie Dr. Josef Neckermann, Harry Boldt, Conrad Schumacher und Eva-Maria Pracht. Hendrik Snoek war erfolgreichster Springreiter des Turniers, Sieger im Großen Preis wurde Fritz Ligges auf Fatinitza.
 
Die siebten Hessenmeisterschaften des HRFV in Dressur und Springen fanden in Pfungstadt statt. Zuschauer drängten sich vor allem ums Dressurviereck: Denn Olympiasieger Josef Neckermann war ländlich am Start, wovon seine Konkurrenten in der Meisterschaft allerdings wenig erbaut waren. Neckermann rechtfertigte sich: Er habe mit Duero ein unerfahrenes Pferd vorstellen - und der Jugend ein Vorbild sein wollen. Mit großem Abstand von mehr als 100 Punkten wurde er Hessenmeister der Dressurreiter. Erfolgsfahrer Michael Freund wurde das Goldene Fahrabzeichen verliehen. Und Paul Kronenberger aus Seligenstadt holte seinen zweiten Hessentitel bei den Springreitern. 1978 sollte sein dritter Landesmeistertitel folgen.
 
Auch wenn die 70er Jahre vom Boom des klassischen Turniersports gekennzeichnet waren: Gegen Ende des Jahrzehnts interessierten sich die Pferdefreunde zunehmend für die bunte Welt der Pferde. Zur Schau zum „Tag des Pferdes“ auf Gut Neuhof in Götzenhain kamen im Herbst 1977 immerhin 20.000 Besucher aus allen Teilen Hessens. Neben der hohen Kunst des Reitsports wurden auch verschiedene Pferderassen, Ponyvorführungen, Voltigierer, zaumloses Reiten und die „Freizeitreiterei“ begeistert beklatscht. Der Pferdesport wurde also erst breiter – und dann auch immer bunter.
 
 
 
Kasten:
Pferdezahlen gehen wieder in die Höhe
Nachdem 1970 in Hessen mit 22.116 Pferden der Tiefstand erreicht worden war (1950 hatte man nicht weniger als 114.628 Pferde im Bundesland gezählt), gingen die Pferdezahlen während der 70er Jahre wieder in die Höhe. Dies war ein langsamer und stetiger Anstieg. Angesichts des neuen, turniersportlichen Schwerpunktes wurde nun auf Qualität und Auslese besonderer Wert gelegt. Immerhin konnte man 1980 bereits wieder über 32.600 Pferde in Hessen zählen. Der Umstand, dass zwischen 1950 und 1970 nicht weniger als 80,7 Prozent des Pferdebestandes der Motorisierung zum Opfer gefallen war, war Geschichte.
 
Kasten:
Zuchtverbände fusionieren
Dem Hessischen Reit- und Fahrverband folgte der Zuchtverband in Sachen Vereinigung nach: Am 4. März 1972 wurde in Lich der Verband Hessischer Pferdezüchter als Verband für Gesamthessen gegründet. 400 Jahre lang hatte die regionale Zweiteilung in Kurhessisches Pferdestammbuch und des Verbandes der Pferdezüchter in Hessen-Nassau Gültigkeit gehabt. Erster Vorsitzender war Dietrich Freiherr Roeder von Diersburg, sein Stellvertreter wurde Rudolf Senkenberg. Schon seit 1968 wurden alle hessischen Pferde mit einem neuen, einheitlichen Züchterbrand versehen: dem „H“ im Hufeisen („Hessenbrand“).
 
Kasten:
10 Jahre Pfingstturnier in Wiesbaden: Weltklasse trainierte – auch für Olympia
Das Wiesbadener Pfingstturnier 1969, das 33. dieser Art, war eine Solo-Show des Alwin Schockemöhle. Er gewann auf Donald Rex nicht nur den Großen Preis, sondern auch beide Qualifikationen. Die Dressuren dominierten George Theodorescu, Harry Boldt, Dr. Reiner Klimke und Kurt Capellmann. Auch 1970 waren Schockemöhle und Donald Rex das Siegerteam im Großen Preis.
1971 war Hugo Simon ganz vorn, noch heute Publikumsliebling. Die Dressur wurde als erste Olympiaqualifikation für die nationalen Reiter genutzt. Es siegten Josef Neckermann mit van Eick und Liselott Linsenhoff mit Piaff. In den Fahrprüfungen dominierten Fred Freund und Rolf Müller.
1972 galten die Dressuren und die One-Day-Military Klasse S als erste Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in München. Die Geländeprüfung wurde von dem deutschen Meister Harry Klugmann gewonnen, in der Dressur waren Dr. Reiner Klimke auf Mehmed und Liselott Linsenhoff auf Piaff ganz vorn. Kathy Kusner (USA) und Triple Crown gewannen den Großen Preis der Springreiter.
Im Jahr 1973 war das 25. Nachkriegsturnier im Biebricher Schlosspark schon wieder Sichtungsturnier, diesmal für die Dressur- und Pony-Dressur-EM in Aachen. Gert Wiltfang gewann auf Akan den Großen Preis von Wiesbaden.
Arno Neesen (Niederlande) und Jumping Amsterdam entschieden 1974 den Großen Preis für sich, Dr. Reiner Klimke und Mehmed dominierten die Bundesqualifikation für die WM. Eddy Macken (Irland) und Boomerang hießen die Sieger des Großen Preises 1975. Boomerang war das gewinnreichste Springpferd des Turniers und gewann 3.200 Mark. Mit 114.407 Mark Gesamtdotierung war in diesem Jahr in Wiesbaden eine magische Grenze überschritten worden.
Volksfestcharakter mit über 40.000 Besuchern hatte das Pfingstturnier 1976: Der 20 Jahre junge Buddy Brown aus den USA siegte mit A little Bit im Großen Preis, im Grand Prix Special war Uwe Schulten-Baumer mit Feudal knapp vor Herbert Krug mit Festoe platziert. Die im Schlosspark ausgetragenen Hessenmeisterschaften der Viererzüge gewann Fred Freund.
1977 wurden nicht nur 25 Jahre Turnierplatz im Schlosspark, sondern auch der 50ste Geburtstag des veranstaltenden Wiesbadener Reit- und Fahrclubs (WRFC) gefeiert. Die Sieger des Großen Preises hießen Hendrik Schulze-Siehoff und Sarto. In der Dressur gewann der Silbermedaillengewinner der olympischen Spiele, Harry Boldt mit Woyceck, Grand Prix und Special.
1978 feierte WRFC-Präsident Wilhelm Dyckerhoff seinen 70sten Geburtstag. Beim verregneten Pfingstturnier diesen Jahres kämpften im Großen Preis Henk Nooren (Holland) und Gert Wiltfang um den Sieg. Nooren und Pulco hatten die Nase vorn. Boldt und Woyceck waren noch einmal die Stars in der Dressur. Erstmals hatten die Veranstalter Sorgenfalten auf der Stirn: Witterungsbedingte Schäden im Schlosspark und reduzierte Zuschauerzahlen rissen ein Loch in die Turnierkasse. Außerdem waren mehrere bewährte WRFC-Mitglieder verstorben. Ist das Turnier noch zu Halten? So fragte man. Aus der WRFC-Chronik
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