Hessische Pferdesportgeschichte: Teil 3
1978 bis 1988 – Die „Entdeckung“ des Freizeitreiters und des vielgestaltigen Pferdesports
Am 2. Oktober 2008 wird groß gefeiert: Der Hessische Reit- und Fahrverband (HRFV) wird 50 Jahre alt. 1957 hatten sich die Regionalverbände Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck bereit erklärt, sich unter einem Dach zusammenzuschließen. Am 25. Januar 1958 wurde die neue Satzung des Gesamtverbandes verabschiedet. Tina Schehler, bei der Recherche intensiv unterstützt von Heidrun Weitz, blickt zurück und beleuchtet fünf Jahrzehnte hessische Pferdesportgeschichte.
In den 80er Jahren wurde spürbar, was schon in der zweiten Hälfte der 70er Jahre im Ansatz zu erkennen war: Der Reitsport wurde allmählich individueller, vielseitiger, bunter. Frauen als Turniersportler – auch auf internationaler Ebene – machten verstärkt von sich reden, Disziplinen wie Distanz- und Wanderreiten kamen zu den klassischen Sparten Dressur, Springen, Fahren, Vielseitigkeit und Voltigieren hinzu. Zudem wurde der Freizeitreiter „entdeckt“ und bald auch von Verbandsseite ernst genommen – als Vertreter einer Gruppe von Pferdefreunden, die wichtig war und stetig anwuchs. Pferdezucht, Pferdesport und Pferdehaltung wurden, so könnte man zusammenfassen, offener und undogmatischer betrieben als in den vorangegangenen Jahrzehnten.
Beim Hessischen Reit- und Fahrverband (HRFV), zunächst noch geführt von Präsident Richard Best, standen die Zeichen weiter auf Zuwachs, während sich bundesweit die Mitgliederbestände kaum noch veränderten: Am 1. Januar 1981 gehörten 43.113 Personen in 368 Vereinen dem Hessischen Reit- und Fahrverband an, 1986 waren es bereits 54.866, die sich auf 448 Reitervereine verteilten. Vor allem bei den Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren waren die Mädchen eindeutig in der Überzahl: Etwa drei Viertel der Mitglieder in dieser Altersgruppe waren weiblich (bis 14 Jahre: 1.701 Reiter und 7.225 Reiterinnen; 15 bis 18 Jahre: 1.865 Reiter und 7.655 Reiterinnen). In der Altersklasse 19 bis 21 Jahre waren ebenfalls deutlich mehr Frauen als Männer im Reitsport aktiv. Erst bei den über 21-Jährigen hatten die Männer Mitte der 80er Jahre noch die Nase vorne (BRD: 166.226 Reiter/114.080 Reiterinnen; Hessen: 18.082 Reiter/12.253 Reiterinnen).
Die Dominanz des hessischen Südverbandes, was die Mitgliederstärke anbetraf, blieb bestehen. 1986 hatte der Regionalverband Kurhessen-Waldeck 15.025 (27,3 Prozent), der Verband Hessen-Nassau 39.841 Mitglieder. Größter Kreisreiterbund war damals der KRB Wiesbaden-Main-Taunus, der 1987 immerhin 9.012 Mitglieder in 71 Vereinen vorweisen konnte.
1979 erstmals Ausschreibungen in UNSER PFERD
In den Leitartikeln von UNSER PFERD kamen aktuelle Richtungen und Trends – meist in der Rubrik „Hippologische Gedanken“ – regelmäßig zur Sprache. Hatte die Zeitschrift 1965 noch eine Auflage von knapp 1.000 Exemplaren, so erschienen 1980 bereits sechsmal so viele Hefte. Chefredakteur Walter Robert Blum vermeldete im Januarheft 1980 stolz: „UNSER PFERD hat in den letzten Jahren einen stetigen Aufschwung genommen.“ Besonders eine Neuerung war für die Zukunft des Mediums entscheidend: „Im letzten Jahr konnte die Veröffentlichung der Ausschreibungen eingeführt werden. Im Moment sind wir dran, die Form noch zu verbessern, so dass kein Veranstalter es mehr nötig hat, Ausschreibungen zu verschicken.“
Im November 1979 war die stark anwachsende Zahl von Turnieren Thema im Leitartikel: „Turniersaison in den siebziger Jahren: da geht es rund um die Uhr, und rund um’s Jahr“, so stellte Blum fest. Spring- und Dressurprüfungen nahmen deutlich zu, nur bei Vielseitigkeitsprüfungen, Geländeritten und Fahrprüfungen waren geringe Abnahmen zu verzeichnen. „Aber nicht nur die Reiter, auch die Zuschauer meinten, es sei etwas zuviel des Guten, was da auf der ‚Hessischen Turnierszene’ geboten wurde im Jahr 1979. Etwa dreihundert Turniere werden da zusammenkommen bis Jahresende. (…) Aber was zu viel ist, ist einfach zu viel. Die Zuschauer streiken (…). Es gibt kaum einen Turnierveranstalter, der in diesem Jahr mit dem Besuch zufrieden war“, so Blum weiter. Im Jahresbericht für 1981 wurden die Zuschauer geschätzt: bei 275 Turnieren seien es 132.973 gewesen. Das mache pro Turnier „nur“ 483 zahlende Zuschauer.
Blum machte drei Verbesserungsvorschläge, um die Zuschauer wieder vermehrt anzuziehen: die Turniertermine besser abstimmen, das Turnierprogramm modernisieren und die Ausbildung der Reiter verbessern, um „gute Bilder“ zu bieten. Er resümierte: „Reitsport - auch der Turniersport - ist Massensport geworden: Wir müssen alles daran setzen, dass darunter das Niveau nicht leidet.“ Auch das zwischenmenschliche Verhalten sei verbesserungswürdig. „Wir wollen hoffen, dass künftig auf unseren Turnierplätzen die Reiterkameradschaft wieder allgemein gültig wird, die einst Dr. h. c. Rau, der in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre, immer wieder verkündet hat“, schreibt er im März 1980.
Vier Titel für Gymnasiast Thomas Lösch
Hessenmeister wurden 1979 Hans-Günther Schmidt auf Urs (Springen) und Herbert Kuckluck (Dressur), Honorartrainer Hessen-Nassau und später Landestrainer Dressur aus dem Stall Schwarz-Gelb Kronberg, mit Vallauris. Der junge Dressurreiter Thomas Lösch vom RuF Weiterstadt wurde bei der Jubiläumsfeier zum 50sten Geburtstag des Verbandes der Reit- und Fahrvereine Hessen-Nassau in Dornheim besonders geehrt: Der 18-jährige Gymnasiast aus Neu-Isenburg hatte bei den Junioren mit seinem Pferd Flyinge im selben Jahr hinter einander den Kreis-, den Hessenmeistertitel, den Deutschen Meister- und sogar den Europameistertitel erritten!
Immer beliebter wurde bei der Reiterjugend der Vierkampf. In dieser Disziplin waren die Hessen-Nassauer bereits 1977 und 1978 Bundessieger geworden. Grund genug für den hessischen Verband, im März 1980 – zu Trainingszwecken – einen hessischen Mannschafts-Vergleichswettkampf auszurichten. Im selben Jahr wurden versuchsweise Leistungsklassen eingeführt, um überfüllte Prüfungen zu vermeiden. Doch nach viel Kritik wurden die Regelungen nach einem Jahr zunächst wieder gelockert.
1980 wurde die Hessenmeisterschaft der Reiterjugend in Herborn ausgerichtet. Fünf Qualifikationsturniere lagen davor. Auch hier findet man Reiternamen, die Pferdefreunden in Hessen auch heute noch ein Begriff sind: Hessenmeister der Dressur-Jugend wurde Josef Neckermanns Enkelin Martina Pracht (Dillenburg), Hessenmeister der Dressur-Junioren Thomas Lösch (Weiterstadt), Hessenmeister Springen-Jugend Jürgen Christ (Egelsbach) und Hessenmeister Springen-Junioren Richard Murmann (Katharinenhof). Bei den neunten Hessischen Voltigiermeisterschaften, 1980 in Großenritte ausgerichtet, siegte die erfolgsverwöhnte Darmstädter A-Gruppe mit Ausbilder Axel Wolf. Bei den Deutschen Jugend- und Juniorenmeisterschaften holten Thomas Lösch und die Darmstädter Voltigierer in ihren Disziplinen Bronze.
Eine Hessenmeisterschaft – alle Altersklassen
Im August 1980 wurde in Pfungstadt ein Doppel-Jubiläum gefeiert: 50 Jahre Reit- und Fahrverein Pfungstadt und zehn Jahre Hessische Meisterschaften in Dressur, Springen und Fahren. Die Besetzung war hochklassig: Bei den Dressurprüfungen der großen Tour setzte sich Dr. Josef Neckermann mit Duero gleich zu Beginn an die Spitze und gab die Führung nicht mehr ab. Er wurde Hessenmeister vor Herbert Krug/Muscadeur und Karin Hahn/Lucky Boy. Im Springparcours holte Willi Schaffner mit Dominik knapp vor Peter Illert/Gordon und Karl Münz/Dublin den Hessentitel. Bei den Viererzugfahrern fuhr diesmal Georg Knell an den Brüdern Fred und Michael Freund vorbei. Armin Holzrichter, bis 1976 Landstallmeister in Dillenburg, legte Ende 1980 nach 18 Jahren die Geschäftsführung der Kommission für Pferdeleistungsprüfungen in Hessen (LKH) nieder.
Ein Jahr später, 1981, wurden erstmals hessische Dressur- und Springmeisterschaften ausgeschrieben, die die Titelkämpfe aller Altersklassen vereinten. Der Biebricher Schlosspark bot den angemessenen Rahmen. Thomas Lösch holte sich mit Florist zum dritten Mal den Juniorentitel bei den Dressurreitern, diesmal gefolgt von Ann Kathrin Linsenhoff auf Vallauris. Beiden gelang im selben Jahr bei den Europameisterschaften der Dressurreiter Junge Reiter in Rotterdam ein Spitzenerfolg: Zusammen mit Gina Capellmann errangen sie die Team-Goldmedaille. Für Thomas Lösch wurde es noch einmal der EM-Einzeltitel, für Ann Kathrin Linsenhoff und Vallauris Bronze. Kloppenheim brillierte 1981 mal wieder als Veranstalter der Vielseitigkeitsmeisterschaften mit dem Wettkampf um die Bundesstandarte der Mannschaften. Und in Spangenberg wurde mit 840 Pferden und 1.700 Starts ein Hessen-Rekord aufgestellt. Nationale Reitergrößen waren am Start.
Auch für die wachsende Zahl der Breitensportler tat sich einiges: Ab dem 1. Mai 1981 mussten in weiten Gebieten Hessens alle Pferde bei Ausritten „amtliche Kennzeichen“ am Zaumzeug tragen. Das wurde per Gesetz verfügt. Wieder eine Aufgabe mehr für den HRFV, diese Kennzeichen zu beschaffen und auszugeben. Außerdem wurden in diesem Jahr in Hessen erstmals Berittführer ausgebildet. Vermehrt wurden in UNSER PFERD Themen wie Gesundheit und Haltung eines Pferdes behandelt, stellte doch Dr. Andreas Höll im April 1981 fest, dass „bei dem gestiegenen Interesse weiter und neuer Personenkreise am Reiten, am Reitsport, am eigenen Pferd und an der eigenen Zucht“ oft genug nicht beachtet worden sei, dass „hierzu auch umfangreiche Kenntnisse über Haltung, Pflege und Ausbildung notwendig seien.“
Fluck löst Best an der Verbandsspitze ab
Bei der Delegiertenversammlung des Hessischen Reit- und Fahrverbandes am 24. Oktober 1981 in Butzbach bekam der Verband nicht nur eine neue Satzung, auch der Vorstand bekam ein neues Gesicht: Eberhard Fluck, Rechtsanwalt und Notar aus Wiesbaden, wurde zum neuen HRFV-Präsidenten gewählt, nachdem der bisherige Vorsitzende Richard Best nach 15 Jahren Vorsitz nicht mehr zur Verfügung stand. Eine Ära ging zu Ende. Fluck räumt in seinen ersten „Hippologischen Gedanken“ als Verbandschef im April 1982 in UNSER PFERD mit Gerüchten auf: „Der neue Vorstand des HRFV denkt nicht daran, dem Verband der Reit- und Fahrvereine Kurhessen-Waldeck oder dem Verband der Reit- und Fahrvereine Hessen-Nassau zu empfehlen, ihre Arbeit dort einzustellen oder die Auflösung zu betreiben. Uns geht es allein darum, in absehbarer Zeit alle verwaltungsmäßigen Aufgaben in einer Geschäftsstelle zu vereinen und zu lösen.“ Was dann im März 1984 geschah (siehe Kasten). Der neuen Satzung folgend wurden Fluck zwei gleichberechtigte Stellvertreter aus den Regionen Nord und Süd zur Seite gestellt, und zwar kraft Amtes Rupert Stark (Vorsitzender Hessen-Nassau) und Heinz Abhau (Vorsitzender Kurhessen-Waldeck). Eine Personalunion zwischen den Vorsitzenden der HRFV, den Regionalverbänden und der LKH wurde per Beschluss in Zukunft ausgeschlossen.
Der Segen des Edelmetalls
„Vom ‚Reiterjahr’ 1982 wird man noch lange sprechen, vielleicht aber auch noch lange zehren müssen. Die Bundesdeutschen waren herausragend, und das in allen Disziplinen“, schwärmte UP-Chefredakteur in seinen „Gedanken“ im November 1982. „Es war schon fast erschreckend, wie der Segen des Edelmetalls sich über die bundesdeutschen Reiter ergoß. (…) Mit Norbert Koof stellten wir den Weltmeister im Springreiten, mit Dr. Klimke den Weltmeister im Dressurreiten.“
Auch aus Hessen gab es zahlreiche Erfolgsmeldungen: „So die deutsche Vizemeisterschaft bei den Dressurreitern, die sich Herbert Krug, der Winzer aus Hochheim, mit ‚Muscadeur’ erritt. Und auch die Jugend aus Hessen war voll da: Thomas Lösch, der jetzt schon international routinierte Dressurreiter, holte bei der Dressureuropameisterschaft der Jungen Reiter in Dänemark mit ‚Imperial’ Gold mit der deutschen Mannschaft (Monica Theodorescu und Tina Böttcher waren noch mit dabei) und für sich selbst in der Einzelwertung Bronze. In der Deutschen Dressurmeisterschaft der Jungen Reiter war dann für Thomas Lösch der Meistertitel Lohn für intensive, beständige Arbeit. Und bei den Springern gab es ebenfalls Gold und Bronze: Rolf Stumpf, Rossdorf, wurde mit ‚Ferrari’ Deutscher Meister bei den Jungen Reitern, Kai Alberding mit ‚Tyros’ verteidigte den Ruf Kurhessen-Waldecks und brachte Bronze mit nach Hause.“
Die zum 1. April 1982 geänderte Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) der FN sah vor, zukünftig bei Meisterschaften die Prüfungen in die Altersklassen Junioren (bis 18 Jahre), Junge Reiter (18 bis 21 Jahre) und Senioren (ab 22 Jahre) zu unterteilen. Zudem wurde dem „Sportkameraden Pferd“ mehr Rechnung getragen als bisher: Das sogenannte Springpferdekonzept wurde eingeführt, und das Alters eines Pferdes für den Ersteinsatz um ein Jahr angehoben.
Theodorescu sorgt für Aufsehen in Wiesbaden
1982 ging im Biebricher Schlosspark wieder einmal ein hochkarätiges Pfingstturnier über die Bühne. Im Springen gewann Ulrich Meyer zu Bexten den Großen Preis, Hugo Simon war der punktbeste Reiter des Turniers. In der Dressur war die deutsche Spitze um Dr. Reiner Klimke und Herbert Krug am Start. Für Aufsehen sorgte Monica Theodorescu, die kurz zuvor jüngstes Mitglied des deutschen A-Kaders geworden war. Dr. Josef Neckermann wurde zum Ehrenmitglied des WRFC ernannt, da er seit 1954 nie fehlte beim Pfingstturnier. Aus seiner Hand erhielten Petra Lindemann und Paul Schmid ihr Goldenes Reitabzeichen.
Die Hessenmeister Dressur des Jahres 1982 hießen Conrad Schumacher und Duero, Hessenmeister im Springen wurde im Schlosspark von Bad Homburg Harald Köster (Rodenbach) mit Lehar. Bei den elften Hessenmeisterschaften in der Vielseitigkeit, die der Reit- und Fahrverein Kloppenheim in Folge ausrichtete, wurde Norbert Stein mit Ajaccio zum vierten Mal Seniorenmeister. Den Hessentitel im Voltigieren errang in Oberursel-Bommersheim diesmal die Frankfurter A-Gruppe. Und noch ein verdienter Hesse kam zu großen Ehren: An seinem 60sten Geburtstag am 9. September wurde dem langjährigen HRFV-Sportwart Willy Rücker das Deutsche Reiterkreuz in Bronze der FN verliehen.
Für die Breitensportler ging in Seligenstadt das Hauptevent des Jahres über die Bühne: Zur ersten bundeszentralen Veranstaltung des von der FN eingeführten „Tag des Pferdes“ kamen über zehntausend Besucher! Zum Jahresende 1982 gehörten dem HRFV 392 Vereine an, davon 280 als Mitglieder des hessischen Süd- und 112 als Mitglieder des hessischen Nordverbandes.
Blum: „Niveau des Reitsports enorm verschlechtert“
„Aber – wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Warum soll das bei der Reiterei anders sein? Wo es mangelt: ganz unten, an der Basis. Leider“, stellte Blum, UNSER PFERD-Chefredakteur und HRFV-Pressewart, in seinen „Gedanken“ im November 1982 fest. „Nach diesem Turniersommer und den Bildern, die man da mitunter zu sehen bekommt, und das gerade in den niedrigsten Leistungsklassen, darf man mit Recht behaupten, dass sich das Niveau unseres Reitsports enorm verschlechtert hat. Die Grundlagen der klassischen Reiterei sind ins Wanken geraten, so sieht es jedenfalls aus. (…) Das Ziehen am Zügel ist zu einer Volkskrankheit unserer Reiterei geworden.“ Schon im März hatte er gewarnt: „Wir dürfen uns nichts vormachen: seit es im Turniersport um Geld geht – und es geht um immer mehr Geld – hat sich das Klima auf den Turnierplätzen verschlechtert. Nur Wenige reiten heute noch aus ‚Spaß an der Freud’ Turniere.“ Im April 1983 erkannte er bereits eine „spürbare Trendwende“: „Mit einem Aufschwung, einem ‚Wachstum’, darf man in Pferdesport und Pferdezucht nicht mehr rechnen.“
Im Mai 1983 widmete er seine „Hippologischen Gedanken“ den „Randgruppen“ im Pferdesport, die es gebe, es aber in keinem Reiterverein geben dürfe. Dazu rechnete er die Fahrer, die Freizeitreiter und Breitensportler, die Voltigierer und Ponyreiter. Er betonte, die Reize des Reitsports lägen gerade in der „Vielfalt der möglichen Betätigungen mit dem Pferd“. Im September 1983 löste Barbara Lampe Walter Robert Blum als neue Chefredakteurin von UNSER PFERD, damals wie heute offizielles Mitteilungsorgan des HRFV, ab.
HRFV-Chef Eberhard Fluck, Mitglied des Redaktionsbeirates, fasste in der Januar-Ausgabe 1984 die wesentlichen Tendenzen des vergangenen Jahres zusammen: „Auf der einen Seite wachsende Mitgliederzahlen im HRFV und eine Reihe neuer Reitervereine, Turniere an jedem Wochenende, die aus allen Nähten platzen und Veranstalter, die froh sind, wenn das ein oder andere Pferd zu Hause bleibt. Auf der anderen Seite wenig neue Reiter, Fahrer und Pferde in den Leistungskadern des HRFV und der FN. In der Organisation des HRFV die Ausschüsse Ausbildung, Turniersport, Voltigieren und Fahren, besetzt mit Fachleuten, die weit über Hessen hinaus einen Namen haben. Auch in der technischen Abwicklung alle erdenklichen Fortschritte, um die alltäglichen Geschäfte in den Vereinen, Kreisreiterbünden und Verbänden zu erleichtern. Und doch… immer nur dieselben, meist gewachsenen Pferdeleute – eine Handvoll Idealisten!“
HRFV-Philosophie: „Soviel Verein wie möglich“
Im Januar 1985 lenkte Fluck den Blick auf den HRFV und den Leistungsstand der hessischen Reiter und Fahrer: „Bei der Grundeinstellung des HRFV in den vergangenen Jahren: ‚Soviel Verein wie möglich, sowenig Verband wie möglich, aber soviel wie nötig!’ stellt man fest, dass der HRFV bisher seine Ziele in allen Bereichen erreicht hat. Ob auch die in den HRFV gesetzten Erwartungen sich erfüllen, wird die Zukunft zeigen. Denn in allen reitsportlichen Bereichen – eingeschlossen unsere Fahrer und Voltigierer – besteht kein annähernd zufriedenstellendes Verhältnis zwischen steigenden Mitgliederzahlen und den reiterlichen Leistungen in allen Sparten. Gewiß haben wir heute eine Vielzahl von Freunden des Reitens und Fahrens in unseren Reihen, die sich nur dem Freizeit- und Breitensport verschrieben haben. Aber schon zu allen Zeiten haben sich aus dieser Basis Talente für unseren Leistungssport entwickelt, der ja unser aller Aushängeschild ist. Es liegt mehr denn je an unseren Reit- und Fahrvereinen, wieder auf Talentsuche zu gehen.“
Der bundesweiten Sorge um einen gut ausgebildeten und gut berittenen Nachwuchs trug der hessische Verband Rechnung: 1985 wurden erstmals Sichtungen für den E- und D-Kader an verschiedenen Orten (Trebur, Darmstadt-Kranichstein, Schafhof Kronberg) in Form fünftägiger Winterlehrgänge durchgeführt. Sportwart Willy Rücker rief vor allem die Eltern auf, Vertrauen in die Arbeit des Verbandes zu setzen und „weiterhin Opfer zu bringen, indem sie die passenden Pferde für ihre Kinder bereitstellen“. Beim Verbandstag des HRFV in Butzbach wurde Walter-Robert Blum, seit 1966 Pressewart des Verbandes, und Burkhard Keim, seit 1965 Jugendwart, das Deutsche Reiterkreuz in Bronze verliehen.
Nach dem Boom im Pferdesport im Jahrzehnt zuvor, standen nun kritische Punkte zur Diskussion: stagnierende Mitgliederzahlen, Schwierigkeiten in der Benutzung von Feld und Wald, extreme Entwicklungen im Turniersport. Besonders auch die Ausbildung der Freizeitreiter war Thema des Verbandstages 1985. Mit einem Mitgliederzuwachs wurde in Zukunft nicht mehr gerechnet und bereits darüber nachgedacht, wie außenstehende Breitensportler zu integrieren seien.
Mit dem Partner Pferd die Freizeit zu gestalten, wurde immer interessanter für eine zunehmende Zahl von Pferdefreunden. So empfahl Erich Kovarik, Beauftragter für Breitensport im Regionalverband Hessen-Nassau, im September-UNSER PFERD des Jahres 1985 das „Reiten und Gespannfahren als Breitensport“. Er plädierte dafür, auch hier nur „gutes Pferdematerial“ zu verwenden: „Der Breitensport ist keine Spielwiese für Wald- und Wiesenprodukte der Pferdevermehrung. Er trägt allerdings, anders als im Turniersport, seine Ansprüche in alle Arten und Rassen hinein, seien es Großpferde oder Ponys der verschiedenen Sektionen.“ Rudolph Salg, Wanderreiter und Breitensportbeauftragter im Vorstand des Hessischen Reit- und Fahrverbandes, fragte in seinem Leitartikel im Januarheft 1986: „Breitensport im Aufwind?“ Er konstatierte „gewisse Fortschritte“ und stellte fest: „Leichter Aufwind ist auszumachen! Laßt uns dafür Sorge tragen, dass er konstant bleibt.“
„Umweltschädliches“ Reiten und die Pferdesteuer
Jede Medaille hat aber bekanntlich zwei Seiten: Kaum boomte das Freizeitreiten und –fahren, hatte der HRFV sich auch schon mit Kritik auseinander zu setzen. Salg hielt im August 1986 in einem Artikel in UNSER PFERD den zunehmenden Vorwürfen über „umweltschädliches“ Reiten entgegen: „Es wird nicht gelingen, Pferdesport, Natur und Umwelt auseinander zu dividieren.“
Claus Bender, zu dieser Zeit Geschäftsführer des HRFV, hatte schon im Oktober 1985 in seinem Leitartikel „warnende Anzeichen vor einem ernsten Zwist“ ausgemacht: „Natürlich gibt es da auch die andere Seite, die meint, die auf dem hohen Roß sitzenden Reiter weitgehend von der Erholung in Feld und Wald ausschließen zu können. Wenn dies schon im Gegensatz zum Gesetz ist, dann versucht man es mit Polemik und leicht zu verbreitenden Behauptungen, die die Reiter diskriminieren. Das beginnt mit dem Vorwurf, dass Reiter die ganzen Wege zerstören, das Wild verprellen, bis hin zur Behauptung, dass Kinderwagen oder Rentner will überritten würden. Und da die Reiter ja ‚alle reich sind’, wird verlangt, dass sie für Wegbenutzung quasi ‚Maut’ bezahlen und sich an der Unterhaltung beteiligen. Leider lassen sich Behörden und Beamte dieser Behörden allzu oft von dieser Meinung anstecken.“
Herbert Krug und die Goldmedaillen
Zurück zum Sport: Mitte der 80er Jahre war ein hessischer Reiter, der von Beginn an die Erfolgslisten Dressur des HRFV angeführt hatte, an der Weltspitze angelangt: Herbert Krug, der Winzer aus Hochheim. Vier Goldmedaillen gewann der Hochheimer mit dem deutschen Team: 1984 mit Muscadeur bei den Olympischen Spielen in Los Angeles, 1986 bei der WM im kanadischen Cedar Valley, 1983 und 1987 bei den Europameisterschaften.
Bei der WM in Cedar Valley/Kanada 1986 siegte Krug dazu gemeinsam mit Sebastian Heinemann im Nationenpreis. Sein Hessenpferd Floriano, mit dem er sämtliche Rahmenprüfungen gewann, war bei der WM das erfolgreichste Pferd aus deutscher Zucht. Seine Tochter Nadine wurde mit Floriano im selben Jahr hessische Vizemeisterin der Junioren. Als Mitglied im A-Kader wurde Krug für die Olympischen Spiele in Seoul nominiert. Gemeinsam mit Karin Hahn (Hof Herrenberg) gewann er 1986 in Berlin Bronze bei der Deutschen Dressur-Mannschaftsmeisterschaft. Karin Hahn und Ann Kathrin Linsenhoff wurden aufgrund ihrer Erfolge in den B-Kader berufen. Dressurreiter Sven Rothenberger (Bad Homburg) ist der jugendliche Shootingstar: Er wurde mit Wariander Hessischer und Deutscher Meister der Jungen Dressurreiter. Alexandra Bischoff holte Bronze bei der Junioren-EM der Springreiter in Irland.
Vierspännerfahrer Michael Freund, ebenfalls A-Kader-Mitglied, erfuhr bei der WM in Ascot/England Bronze mit der Mannschaft und wurde in der Einzelwertung Fünfter, platzierte sich bei der DM, in Aachen und beim Fahrderby in Hamburg. Franz Knapp wurde Deutscher Meister bei den Viererzugfahrern mit Kleinpferden.
Und noch mehr geschah im Jahr 1983: Die EM der Jungen Dressurreiter fand auf dem Schafhof in Kronberg statt. Liselott Schindling-Rheinberger wurde für ihr überragendes Engagement für den Dressursport mit dem Goldenen Reiterkreuz ausgezeichnet. Hessenmeister im Springen wurde Manfred Born (Diedenbergen), in der Dressur Sebastian Heinemann, in der Vielseitigkeit Uwe Petersen und im Voltigieren die A-Gruppe aus Kriftel.
Linsenhoff und Krug im EM-Fieber
Im Jahr 1987 ging es erfolgreich für Hessens Dressurreiter weiter: Ann Kathrin Linsenhoff, in UNSER PFERD als „aufsteigender Stern am Deutschen Dressurhimmel“ tituliert, platzierte sich mit Courage erfolgreich in Dortmund und Wiesbaden in Grand Prix und Special. Beim Mannheimer Maimarktturnier erritt sie die Fahrkarte zur EM nach Goodwood/England. Auch Herbert Krug war in Mannheim mit Floriano und Muscadeur erfolgreich. Nach seinen Erfolgen beim Wiesbadener Pfingstturnier wurde auch er mit Floriano für die EM nominiert. Dr. Reiner Klimke nahm hier, im Schlosspark zu Biebrich, mit Paradepferd Ahlerich seinen Abschied vom Sport. Zuvor war es vor seinem Start beim Grand Prix zu einem Eklat gekommen: Da Ahlerich nicht klar lief, verließ der amtierende Olympiasieger von Los Angeles nach kurzem Wortwechsel mit den Richtern, die ihm einen Startverzicht nahegelegt hatten, die Dressurbühne. Klimkes O-Ton: „Ich soll nicht reiten!“ Er war zuvor bereits fest für die EM gesetzt gewesen. Bei der EM in Goodwood erritten dann Krug und Linsenhoff gemeinsam mit Gina Capellmann und Jo Hinnemann Mannschafts-Silber. Für die damals 26-jährige Ann Kathrin Linsenhoff wurde es auch Silber in der Einzelwertung.
Sven Rothenberger, trainiert von Conrad Schumacher, wurde mit Eschnapur Fünfter beim Preis der Besten in Dortmund und erhielt dort aus den Händen von Dr. Josef Neckermann das Goldene Reiterabzeichen. Mit Mannschafts-Gold und Einzel-Silber kehrte er von der Europameisterschaft der Jungen Dressurreiter in Italien zurück. Josef Neckermann feierte seinen 75sten Geburtstag. Ihm wurde im Rahmen der Hessenmeisterschaft 1987 die Goldene Ehrennadel des Hessischen Reit- und Fahrverbandes verliehen. Er wiederum ehrte dort die frischgebackenen Meister: Christiane Eberwein in der Dressur, Manfred Born im Springen (beide Senioren). In Dillenburg wurde das erste nationale Vielseitigkeitsturnier für Einspänner ausgerichtet.
Guter Ruf verloren oder eine Milchmädchenrechnung?
Und was machte der Mittelbau? Für das Jahr 1987 hatte Claus Bender den hessischen Reitern, vor allem den Springreitern, die nicht annähernd mit den Erfolgen der hessischen Dressurreiter mithalten konnten, in seinen „Hippologischen Gedanken“ die Empfehlung mit auf den Weg gegeben, sich ihr „Glück auf dem Rücken der Pferde durch ein entsprechendes Engagement in der Ausbildung“ zu verdienen. Es gelte, dahin zurückzukehren, „wo in den Vorkriegsjahren der gute Ruf der deutschen Springreiter begonnen hat, der inzwischen zwar weltweit kopiert, nur angeblich bei uns selbst verlorengegangen ist.“ Bei „wesentlich verbessertem Pferdematerial“ und „konstanter Ausbildung von Reitern und Pferden“ seien Erfolge zukünftig „leichter programmierbar und nicht mehr nur noch Glückssache“.
Dass dem Breitensport mittlerweile von Seiten des HRFV eine große Beachtung zukomme, sei richtig, so Bender. Von mittlerweile über 50.000 Mitgliedern waren Mitte der 80er Jahre nur 5.000 Turnierreiter. Aber die Statistik allein heranzuziehen, sei eine „Milchmädchen-Rechnung“: „Ganz falsch erscheint mir das heutige Bestreben, nun auch noch im Breitensport neue Wettkampf-Modelle zu schaffen und Massenveranstaltungen zu kreieren.“ Das Reiten zum Spaß und zur Erholung sei der zentrale Wert des Reitens als Breitensport.
Am Jahresende trauerte Hessens Reitergemeinde um zwei bedeutende Persönlichkeiten: Armin Holzrichter, Landstallmeister a. D. in Dillenburg und langjähriger Geschäftsführer von HRFV und LKH, und Kurt Osswald, lange Jahre Vorsitzender des Verbandes Hessen-Nassau und damit stellvertretender Vorsitzender des HRFV.
Olympiagold für Ann Kathrin Linsenhoff
1988 sorgten hessische Dressurreiter weiterhin für Furore in der Welt: Bei den Olympischen Spielen in Seoul trugen Ann Kathrin Linsenhoff und Courage zum Gewinn der Goldmedaille mit der Mannschaft bei. Mit ihr zum Sieg ritten Nicole Uphoff mit Rembrandt, die auch Einzel-Gold gewann, „Fahnenträger“ Dr. Reiner Klimke mit Ahlerich sowie Monica Theodorescu mit Ganimedes. Im kanadischen Team, das Bronze holte, ritt mit Josef Neckermanns Tochter Eva Maria Pracht ebenfalls eine Hessin. Auch im Parcours war ein Hesse mit dabei: Der Eschweger Georg-Christoph Bödicker, in dieser Zeit einer der zehn besten Parcoursbauer Deutschlands und Landestrainer der hessischen Springreiter, assistierte in Seoul Olympia-Parcourschef Olaf Petersen.
Bei den Deutschen Meisterschaften der Junioren-Dressurreiter gelang Nadine Krug auf Bagatell der große Wurf nach der Silbermedaille im Vorjahr: Sie wurde Deutsche Meisterin – vor dem Hessen Oliver Klinnert mit Radamus. Bei den Hessischen Mannschaftsmeisterschaften der Vielseitigkeitsreiter in Niederwalgern setzte sich die Mannschaft des Kreisreiterbundes Marburg-Biedenkopf an die Spitze.
Ende der 80er: Palastrevolution und Führungswechsel
Gleich zu Anfang des Jahres hatte es beinahe eine „Palastrevolution“ gegeben. Der Grund war der im Januar gegründete Club Hessischer Springreiter (CHS), der „Schwung in das brachliegende Lager der hessischen Springreiter“ bringen wollte, so war in UNSER PFERD zu lesen. Die Funktionäre des HRFV fassten dies als Opposition und Angriff auf und wollten mit dem CHS nichts zu tun haben, der eigentlich nur Vermittler zwischen Sportlern und Verband und ein Förderer sein wollte. Auf einer Sitzung im Februar wurden die Wogen geglättet, Missverständnisse ausgeräumt – und eine Zusammenarbeit beschlossen.
Die Hessenmeisterschaften fanden – davon unbeeindruckt – 1988 in Eschwege statt. Peter Lamberth (Viernheim) wurde mit Monte Christo Hessenmeister der Springreiter, Sven Rothenberger holte mit Dior den Hessentitel bei den Dressurreitern (beide Senioren). Neben dem Sport beschäftigte ein Thema Teilnehmer und Besucher ganz besonders: Am 28. Mai 1988 war plötzlich und unerwartet HRFV-Präsident Eberhard Fluck verstorben. Wer würde der Nachfolger im März des kommenden Jahres werden? Hermann Kombächer beschrieb die Leistungen des verstorbenen Rechtsanwaltes im Nachruf so: „Eberhard Fluck führte den Verband mit großer Umsicht und der ihm eigenen liberalen Gesinnung. Besonders der Reiterjugend zugetan, kämpfte er für die Förderung des reiterlichen Nachwuchses. Die Gewichtung von Hochleistungs-, Leistungs- und Breitensport fand bei ihm stets das rechte Maß. Vor allem aber war er im besten Sinn des Wortes ein Anwalt für die Pferde.“
Kasten:
Robert Kuypers erster hauptamtlicher Geschäftsführer des HRFV
Seit 22 Jahren ist Robert Kuypers (50) Geschäftsführer des Hessischen Reit- und Fahrverbandes (HRFV): Nach einem Vorstellungsgespräch in Hessen und einer anschließenden einjährigen Ausbildung zur Nachwuchsführungskraft bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung in Warendorf wurde der gebürtige Rheinländer am 1. Januar 1984 vom HRFV eingestellt. Zunächst fungierte er als Assistent seines Vorgängers Claus Bender und dann als Büroleiter in Dillenburg. Am 1. Januar 1986 wurde Kuypers dann hauptamtlicher Geschäftsführer des HRFV. Der Vollzeitjob war neu: Zuvor waren die Verbandsgeschäfte stets von Teilzeitlern geführt worden. Seit dieser Zeit sind alle Daten rund um den hessischen Pferdesport verlässlich erfasst.
Kuypers’ Vorgänger Claus Bender, seit 1978 im Amt, arbeitete auf Honorarbasis für den HRFV. Die Geschäftsstelle war sein Wohnhaus in Darmstadt. „Die Landeskommission Hessen (LKH) war bis zu diesem Zeitpunkt unabhängig vom HRFV und hatte ihren Sitz in Dillenburg. Landstallmeister Bert Petersen war, als ich beim HRFV begann, LKH-Geschäftsführer“, erinnert sich Robert Kuypers heute. „1981 war bereits die Satzung des Hessischen Reit- und Fahrverbandes geändert worden. Die Landeskommission verlor ihre Rechtspersönlichkeit und wurde als Organ in den Verband integriert. Für die Mitglieder war es jedoch verwirrend, sich mit Anfragen mal nach Darmstadt und mal nach Dillenburg wenden zu müssen. Also wurde im März 1984 die Geschäftsstelle von Verband und LKH in Dillenburg zusammengelegt, um eine zentrale Anlaufstelle für alle organisierten Pferdesportler zu schaffen.“
Ein hauptamtlicher Geschäftsführer war notwendig geworden: Der stetige Mitgliederzuwachs und die immer vielfältiger werdenden Aufgabenstellungen waren anders nicht mehr zu bewältigen. „Dadurch konnte nun eine intensivere Kaderförderung und Richter- beziehungsweise Parcourschefschulung angeboten werden“, so Kuypers. „Bis zu diesem Zeitpunkt waren zudem die Freizeitreiter nahezu unentdeckt. Hinzu kamen neue Aufgaben, wie die Ausweisung von Naturschutzgebieten und die notwendig werdende Lobbyarbeit bei der Formulierung des Hessischen Forst- und des Hessischen Naturschutzgesetzes.“
In den 80er Jahren habe sich der Pferdesport noch vorwiegend auf Vereinsbasis abgespielt, Ansprechpartner des Verbandes und der Mitglieder waren die Vereinsvorsitzenden, so Kuypers. „Der Sport und alles, was damit zusammenhängt, wurde jedoch immer diffiziler – so dass sich immer mehr Pferdesportler mit ihren Anliegen direkt an die Dillenburger Geschäftsstelle wandten – und wenden.“ TS
Kasten:
FN-Bericht macht deutlich: Schon 1979 ähnliche Probleme wie heute
Der Jahresbericht der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) für das Jahr 1979 enthielt viel Positives: Im Berichtsjahr hielt die Aufwärtsbewegung in der Reiterei weiter an. 436.977 Mitglieder hatten die Mitgliedsverbände der FN am 1. Januar 1979, eine Steigerung von fünf Prozent zum Vorjahr. Doch das hatte nicht nur positive Folgen. Chefredakteur Blum schrieb in UNSER PFERD: „22.000 Menschen, die Bevölkerung einer respektablen Mittelstadt, drängt alljährlich neu zum Pferd. Daß das Probleme bringt, liegt auf der Hand. Diese Probleme liegen vor allem beim Freizeitreiten und dem Breitensport.“
Die FN habe im Berichtsjahr viel für die schon damals größte Gruppe der Reiterei getan: durch Beratung, Information und Verhandlung mit Behörden bei der Anpassung der Landesgesetze an das Bundeswald- und Bundesnaturschutzgesetz; durch Kennzeichnung gewerblicher Reitbetriebe; durch einheitliche Kennzeichnung der Pferde und Pferdebesitzer in Ballungsgebieten; durch die Förderung des Vorhabens „Deutscher Reiterpfad“, wo sich Hessen besonders hervorgetan habe und zwei Modellveranstaltungen zur Führung eines Reit- und Fahrvereins, die beide in Hessen (KRB Offenbach und KRB Groß-Gerau) abgehalten wurden. Viele dieser Themen haben auch heute ihre Brisanz nicht verloren.
„Wunder Punkt“, so wurde im FN-Bericht festgestellt, sei die Ausbildung der Ausbilder. Hier komme man den durch den Mitgliederzuwachs steigenden Anforderungen nicht nach – weder in Quantität noch in Qualität. 2.556 Pferdeleistungsprüfungen wurden 1979 bundesweit durchgeführt, 99 mehr als im Jahr zuvor. Die Zuwachsraten lagen mit zwölf Prozent bei den Prüfungen und 14 Prozent bei den Starterzahlen noch darüber. Eine Entwicklung, die als „alarmierend“ eingestuft wurde.
Der Pferdebestand schien sich auf den Bedarf einzupendeln. Etwa 400.000 Pferde wurden in Deutschland im Berichtsjahr geschätzt. 1970, beim absoluten Tiefstand, waren es nur 252.000 gewesen. Rund 1.000 Reitpferde wurden über 17 Auktionen im Bundesgebiet verkauft. Mit einem Durchschnittspreis von 13.655 D-Mark konnte ein neuer Höchst-Durchschnittspreis erzielt werden.
In welche Größenordnung der Reitsport hineingewachsen war, zeigten die Ausgaben der FN im Jahr 1979: 5,4 Millionen DM im ordentlichen und 3,2 Millionen DM im außerordentlichen Haushalt betrug der Aufwand. Allein eine Viertelmillion DM sollte eine bevorstehende Verbesserung im EDV-Bereich kosten, die durch die Massenbewältigung der Belege (Turniernennungen, Reiterausweise, Eintragung von Turnierpferden) erforderlich wurde. TS
Kasten:
Zahl der Pferde in Hessen blieb konstant
1980 zählte man in Hessen 32.608 Pferde, eine Anzahl, die während der gesamten 80er Jahre konstant blieb. Zum Jahresende 1988 waren es 32.108 Tiere, davon 26,3 Prozent Kleinpferde und Ponys. 7.941 hessische Pferdehalter wurden in der damaligen Statistik registriert. Die Anzahl der Deckhengste des Hessischen Landgestüts Dillenburg war Ende der 80er Jahre mit 62 Pferden genauso groß wie zehn Jahre zuvor. Neu war jedoch die Zunahme von in Privatbesitz befindlichen Hengsten (1979: 32, 1989: 80). 1987 wurden erstmals in der Geschichte der hessischen Pferdezucht mehr Stuten durch Privathengste gedeckt, als durch Landgestütshengste. Die Mitgliederzahl des Verbandes Hessischer Pferdezüchter (VHP) pendelte sich in den 80er Jahren bei knapp 3.500 ein. TS
 |